Ranya Paasonen: "Der Stand der Sonne"

Autobiographischer Spagat über zwei ethnische Welten
   

 

Bei vielen Romanen bietet sich die Annahme eines biographischen Hintergrunds zwar an, wird jedoch meist mehr oder minder heftig vom Autor bestritten, allein schon, um eine Verkürzung auf einen - bisweilen rechtfertigenden oder selbstmitleidigen - Lebensbericht zu verhindern. Selten jedoch gleichen sich die äußeren Daten zwischen Roman und Biographie der Autorenperson so deutlich wie in dem vorliegenden Roman von Ranya Paasonen, und daher lässt sich die starke autobiographische Färbung dieses Buches wohl kaum leugnen.

Die Ich-Erzählerin, eine junge Frau um die dreißig, ist wie die Autorin Tochter einer finnischen Mutter und eines ägyptischen Vaters und wächst in verschiedenen Ländern - Ägypten, Indien, Finnland - auf. Ihre mittlerweile an krebs verstorbene Mutter erscheint ihr in der Rückschau als ätherische Lichtgestalt, zu fein für diese Welt, dem Körperlichen zunehmend entrückt, von einem so lebensfrohen wie diesseitigen Ehemann im Laufe der Jahre enttäuscht und entfremdet. Die Tochter macht sich die nahezu jenseitige Weltsicht der Mutter zu eigen, nimmt ihre Stelle ein und trägt nach deren Tod ihr Erbe fort. Schuldzuweisungen an einen verantwortungslosen Ehemann, der sich der zunehmend körperlos werdenden Ehefrau entzogen hat und seinen Ausgleich im Beruf und anderweitigen "Liebhabereien" gesucht hat, vermeidet dessen Tochter, sie stehen jedoch unausgesprochen im Raum. Dies ist kein Roman der Abrechnung und Anklage einer enttäuschten Tochter, sondern eine Hymne an die Mutter. Dass der Vater sich der Familie zunehmend entfremdet und von ihr auch physisch entfernt hat, wird als fast schon genetisch verankerte Verhaltensweise zur Kenntnis genommen und nicht weiter diskutiert. Doch dabei kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass die Mutter zu gut für diesen Mann und für diese Welt war und schließlich an beiden zugrunde gegangen ist.

Diese Sicht der Tochter auf die Mutter ist nahezu als obsessive Überhöhung zu betrachten. Schon das junge Elternpaar wird - zu besseren weil harmonischeren Zeiten - als etwas Einzigartiges dargestellt, eine Verengung der Sicht auf die Eltern, die man vorm allem bei Frauen findet. Entweder werden  die Eltern - vorzugsweise Väter -  nach allen Regeln der Kunst gerichtet oder auf ein Podest erhoben. Eine literarisch wie praktisch fragwürdige Weltsicht, da sie die Mitmenschen der Eltern in einer selbstgeschaffenen Werteskala hintanstellt und die eigenen Eltern aufwertet.  Mit der Überhöhung der Eltern - hier der vor allem der Mutter - steigt natürlich auch der eigenen Wert, letztlich durch die Erkenntnis der so lichtvoll Beschriebenen.

Doch mit dieser Eltern- und Ich-Fixierung entwickeln sich auch literarische Qualitäten. Ranya Paasonen gelingen äußerst poetische Schilderungen ihrer Mutter und sehr sensible Beschreibungen der Jugend in einem fremden, von Hitze und orientalischen Sitten geprägten Land. Immer wieder beschwört sie eindringlich die Atmosphäre von glühender Hitze, der durch das Klima retardierten Lebensgewohnheiten, des Glanzes einer intensiven Sonne auf Wohnungseinrichtung und Stadtbild und der unterschiedlichen Mentalität einer Bevölkerung, die sich in den besonderen klimatischen Bedingungen eingerichtet und ihr Weltbild darauf eingestellt hat. Die Mutter der Erzählerin zerbricht an dieser Welt und reicht ihr Leid an ihre Tochter weiter. Diese kehrt schließlich - wie such die Autorin - in das Land der Mutter zurück, wo es zwar kalt und das Leben bisweilen abweisen ist, das aber einen gewissen Bezugsrahmen und so etwas wie Verlässlichkeit ausstrahlt.

Rany Paasonen hat mit diesem Roman ein fast schon esoterisch anmutendes Buch verfasst, dass die Grenzen zu einer nicht mehr nachvollziehbaren Irrationalität austestet, sie aber letztlich nicht überschreitet. Sie zelebriert an teilweise hypochondrische Züge aufweisendes Leiden an der Welt, das jedoch nie nur vordergründig modisch wirkt sondern subjektive Befindlichkeit glaubwürdig wiedergibt.

 

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Und hier noch eine zweite Rezension aus anderer Sicht:

Ein Ägypter begegnet auf der Fahrt von Luxor nach Assuan im Zug einer finnischen Frau. Die blonde, groß gewachsene Finnin erscheint dem Mann wie ein Engel, und er verliebt sich spontan in sie. Auch sie findet Gefallen an ihm. Sie reizt gerade das Fremde, und so finden zwei Menschen aus völlig verschiedenen Kulturkreisen zueinander. Sie leben gemeinsam mit den beiden Töchtern in Indien, Libyen und Finnland.

Der Roman wird aus der Sicht der älteren Tochter erzählt, die sehr sensibel die unterschiedlichen Bedürfnisse der beiden Elternteile wahrnimmt. Das Anderssein des Partners, das die ersten Ehejahre noch würzte, kippt irgendwann um. Was anfangs verband, führt später zu immer mehr Unverständnis für den anderen. 

In diesem Spannungsverhältnis wachsen die beiden Mädchen heran und können sich mit keiner Kultur so richtig anfreunden. Die Zerrissenheit der Paarbeziehung setzt sich im Leben der beiden jungen Frauen fort. Symbolisch wird der Unterschied der Kulturen am Schälen einer Orange festgemacht: während der ägyptische Vater die Orange spiralförmig schält und diese Spirale anschließend als Armband verwendet werden kann, ritzt die finnische Mutter die Orange viermal ein und entfernt kühl und sachlich die vier Teile der Schale.

Die Autorin Ranya Paasonen wurde in Indien geboren. Ihre Mutter war Finnin, der Vater Ägypter. Sie lebte in Indien, dem Tschad, Saudi-Arabien, Libyen, Ägypten und Finnland. Wie ein Patchwork fügt sie ihre Kindheitserinnerungen zu einem Roman zusammen. Aus vielen kleinen Einzelteilen entsteht eine Lebensbeschreibung, bei der nicht alle Flicken zusammenpassen aber die Sehnsucht nach einem Gesamtgebilde die treibende Kraft dieses Romans ist.

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Das Buch ist im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) unter der ISBN 3-423-24398-8 erschienen und kostet 12,50 €.