| Philipp Sarasin: "Anthrax" |
| Bioterror als Phantasma | |
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Bio-Terror ist eine Kriegführung "sui generis", die völlig neue Maßstäbe setzt und damit neue Ängste weckt. Die lautlose und unsichtbare Verbreitung und Wirkung dieser - gar nicht einmal neuen - Waffe lässt sich sowohl bei dem skrupellosen Anwender zum Schüren von Schrecken und Panik nutzen wie auch von Regierungen, die solche tief sitzenden Ängsten vor dem unbekannten, schleichenden Tod beliebig instrumentalisieren können. Hier setzt Sarasin an: er verweist auf die unmittelbar nach dem Anschlag vom 9.11. einsetzenden Warnungen der US-Regierung vor zu erwartendem Bio-Terror sowie auf die spektakuläre Überprüfung von "Ground Zero" auf Spuren von Kampfstoffen und vermutet dahinter eine gezielte Kopplung der Flugzeug-Attentate mit Bio-Waffen. Dabei betont er die Ähnlichkeit des Terrorismus heutiger Prägung mit Bio-Waffen. Unerkannt wie Viren schleichen sich "Schläfer" in den "Blutkreislauf" einer Gesellschaft, um sie von innen her zu zerstören. Nach Sarasin ist die Kongruenz dieser beiden Begriffswelten zu groß, als dass sie von einer skrupellosen Regierung nicht für ihre dubiosen Zwecken genutzt würden. Bezüglich der Anthrax-Briefe selbst weist er auf die hohe Reinheit des Stoffes hin, der eine Herstellung in einem "Heimlabor" ausschließt, sowie auf die Vermutung, dass ein ehemaliger Angehöriger der einschlägigen staatlichen US-Forschungseinrichtungen dahinter stecke. Da die Briefe kurz nach dem 9.11. auftauchten, müsse das Anthrax bereits vorher - in Erwartung des Anschlags? - bereitgehalten worden seien. Soweit so gut. Doch daraus schließt er, ohne es explizit zu behaupten, sozusagen "zwischen den Zeilen", dass die US-Regierung von dem Anschlag bereits früher gewusst habe und den Täter quasi bei der Beschaffung und Versendung des Stoffes noch unterstützt oder zumindest nicht behindert habe, um in der Bevölkerung Angst zu wecken und sie für den Irak-Krieg gefügig zu machen. Hier jedoch versteigt sich Sarasin - mit Verlaub gesagt. Erst einmal macht es einen unredlichen Eindruck, dem Leser die oben geschilderte Schlussfolgerung zwingend nahe zu legen, selbst aber die Behauptung - aus Angst vor den Folgen? - nicht aufzustellen. Darüber hinaus stützt er sich lediglich auf eine Indizienkette, die zwar in sich schlüssig ist, aber harter Beweise ermangelt und allein vom gewünschten Resultat her aufgebaut ist. Eine Verschwörung dieses Ausmaßes wäre in den USA kaum geheim zu halten, und der erwähnte Täter hätte bei dieser Konstellation ein ideales Erpressungsmittel gegen die Regierung in der Hand. Dass er das nicht nutzt, könnte man nur mit einem gewaltsamen Tod erklären, für diesen braucht man jedoch eine "passende" Leiche. Vermutungen pflastern also den Weg der Sarasinschen Überlegungen zu diesem Punkt. Die Schlussfolgerung ließe sich viel einfacher begründen. Es gibt Staaten mit entsprechender Infrastruktur - natürlich offensichtlich nicht der Irak, den Sarasin in diesem Punkt zu Recht und "genüsslich" ausschließt - und permanent deutlich geäußertem Hass auf die USA, die eine solche Aktion - vielleicht sogar mit Wissen des bevorstehenden Anschlags, geplant haben könnten. Warum ist Sarasin diese Variante nicht einmal eine spekulative Erwähnung wert, warum muss er gleich die US-Regierung des Mordes an eigenen Mördern und der klammheimlichen Kollaboration mit Terroristen verdächtigen, nur um den Irak überfallen zu können? Sicher ist bei der Regierung einiges im Vorfeld und nach dem Anschlag schief gelaufen, und sicher haben sie "nine eleven" und die Anthrax-Briefe für ihre Zwecke genutzt, doch daraus die mehr als unterschwellige Behauptung aufzustellen, letztere seien mit Wissen und Duldung der Regierung versendet worden, lässt sich nur mit handfesten Beweisen rechtfertigen. Doch die ideologische Färbung dieses Buches lässt es deswegen nicht zur Makulatur werden. Natürlich hat Sarasin viele erstaunliche und verwirrende Fakten gesammelt und aufbereitet. Er weist mit Recht auf viele Unstimmigkeiten sowie auf eine gewisse Skrupellosigkeit der Bush-Regierung bei der "Ausnutzung" der Anthrax-Briefe hin und glänzt im Übrigen mit einer treffenden Analyse des gobalen Terrorismus und vor allem der Gefahr des Bio-Terrors. Die Leser sollten jedoch nicht allen seinen - vor allem hinter vorgehaltener Hand geäußerten - Vermutungen folgen und sich ein eigenes Urteil bilden. Das Buch ist in der "Edition Suhrkamp" unter der ISBN 3-518-12368-8 erschienen und kostet 9,- €. |