| Patricia Highsmith: "Der Junge, der Ripley folgte" |
| Die Inversion des klassischen "Ripley"-Themas | |
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Für den Leser stellt diese Figur eine Herausforderung dar, bewegt sie sich doch bewusst außerhalb der Legalität, ohne dabei einen einzigen Gedanken an den Begriff der Moralität zu verlieren. Gut ist, was Ripley nützt, und wer ihn dabei nicht behindert, darf gern sein Freund sein. Was hinter dieser "Lebensgeschichte in Romanen" als Aussage steht, lässt sich nur ahnen. Dabei kann man eine Apologie des Bösen seitens der Autorin wohl verneinen, die in ihren anderen Krimis stets die Untat entlarvt und das Böse am Ende scheitern lässt. Es drängt sich der Gedanke auf, dass Patricia Highsmith mit dieser Gestalt den geheimen Wünschen Ausdruck geschaffen hat, die in uns allen schlummern, die wir aber aus Angst vor den Sanktionen der Gesellschaft nie verwirklichen. Doch genug der Vorrede über Ripley und seine Schöpferin. In die kriminelle französische Idylle dringt eines Tages der sechzehnjähriger Frank ein, der sich schnell als der Sohn eines jüngst tragisch ums Leben gekommenen amerikanischen Multimillionärs entpuppt. Im Zwiegespräch mit dem ihm von ferne bekannten Ripley bezichtigt er sich selbst des Mordes an seinem Vater. Obwohl öffentlich kein Verdacht auf ihn gefallen ist, hat er sich nach Europa abgesetzt, da er mit seiner Schuld nicht fertig wird. Und hier bahnt sich der entscheidende Wendepunkt in der Ripleyschen Vita an. Ripley, der sonst nur den Eigennutz sah und der selbst seine Frau Heloïse in gewisser Weise wie eine Edelkurtisane hält, entwickelt plötzlich ein Verantwortungsgefühl für Frank, vielleicht auch, weil das nagende Schuldbewusstsein des Jungen an einen Mangel an ihm selbst rührt. Fast verzweifelt versucht er ihm auszureden, sich zu stellen, rät ihm, nach Hause zurückzukehren und einen allgemeinen Schock nach dem Tod des Vaters vorzugeben. Offensichtlich kann Ripley es nicht ertragen, dass hier jemand mit seiner schwerwiegenden Übertretung der gesellschaftlichen Regeln nicht fertig wird, dass er bereit ist, Sühne für seine Schuld zu leisten. Die Verzweiflung des Jungen weckt in ihm einen wilden Aktionismus, der nur zum Ziel hat, ihm das schlechte Gewissen auszutreiben. Er fährt mit ihm nach Berlin, wo Frank von einer dubiosen Bande entführt wird, die wohl Wind von seinem millionenschweren Hintergrund bekommen hat, und befreit ihn in einer geradezu haarsträubenden Einzelaktion aus den Fängen der dilettantischen Entführer. Doch am Ende scheitert Ripley, da es ihm nicht gelingt, das Gewissen des Jungen auszuschalten, denn dieser zieht die ultimative Konsequenz. Der Roman zeichnet sich im Gegensatz zu den anderen Werken der Highsmith nicht durch subtile Psychologie aus, sondern wirkt eher wie ein Laborstück. Die Handlung ist teils langatmig, vor allem der erste Teil, und dann wieder vollständig unglaubwürdig, ja, zeitweise sogar an den Haaren herbeigezogen. Der Autorin geht es offensichtlich nur um den Gegensatz zwischen dem etabliert-großbürgerlichen Kriminellen und dem schuldbeladenen und -bewussten Jungen. Dabei gehen Logik und Struktur der Handlung zeitweilig unter. Lohnend ist die Lektüre eigentlich nur für eingeschworene "Ripley-Fans", die in diesem Buch einen vorläufigen(?) Abschluss der mehrbändigen Ripley-Legende finden. Für Ripley-Agnostiker gibt es höchstens einige hübsche Anachronismen aus den frühen 80er Jahren, so wenn Ripley von Berlin-Tegel bis in die (alte) Stadtmitte mit dem Taxi Felder und Dörfer durchquert, als habe Tegel damals in Mecklenburg-Vorpommern gelegen.... Das Buch ist in der Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-06418-7 erschienen und kostet 21,90 €. |