Hans Magnus Enzensberger: "Dialoge zwischen Unsterblichen, Lebendigen und Toten"

Anachronistische Geschichten mit intellektueller Sprengkraft
   

Hans Magnus Enzensberger hat Geschichte und Gegenwart schon immer gerne gegen den Strich der offiziellen Meinung gebürstet. Ohne ideologische Vernagelung hat er dabei oft auch provokante Stellungen eingenommen und und sich frei zwischen politischen Fronten bewegt. Intellektuelle Geradlinigkeit und Schärfe sind dabei seine herausragenden Stilmerkmale. In dem vorliegenden Buch lässt er in bewusst anachronistischer Manier Vertreter verschiedener Epochen miteinander ins Gespräch kommen und entlarvt dabei die typische Arroganz der Nachgeborenen gegenüber den Altvorderen.

Die erste Geschichte gibt wie ein Prolog die Richtung des Buches vor: ein chinesischer Weise trifft auf seinem Ritt durch die Wüste einen Totenschädel an und bittet den Großen Gott, diesen Schädel zwecks eines Gesprächs zum Leben zu erwecken. Gesagt, getan - jedoch fügt sich der zum Leben Erweckte nicht in die intellektuellen Unterhaltungsvorstellungen des Weisen, sondern ignoriert vollständig den Zeitunterschied von 500 Jahren, setzt sein Leben nach einem vermeintlich kurzen Schläfchen an der selben Stelle fort und düpiert mit seiner geradlinigen Frechheit den Weisen, den daraufhin ein so schreckliches wie philosophisches Schicksal ereilt. Der Versuch, Geschichte im Gespräch mit den Protagonisten der Vorzeit zu diskutieren und die Welt zurechtzurücken, misslingt gründlich.

In einem anderen Dialog interviewt ein heutiger Journalist den großen französischen Dichter und Philosoph Denis Diderot. Abgesehen von anachronistischen Spielereien mit dem Journalistenberuf und dem Mikrofon kommt auch hier das bornierte Unverständnis des Nachgeborenen gegenüber dem Vertreter einer anderen Zeit zum Vorschein. Die oft etwas herablassenden, aus der vermeintlich höheren geschichtlichen Sicht gestellten Fragen erweisen sich als "Rohrkrepierer", da der so Befragte sich weigert, seine Weltsicht aus den Erkenntnissen der Zukunft zu speisen, die Fragen im Kontext seiner eigenen Welterfahrung immer wieder konterkariert und mit scheinbar naivem Unverständnis beantwortet. Dieses Unverständnis entlarvt jedoch den Fragenden als den eigentlich verständnislosen Gesprächspartner. Nebenbei jedoch entwirft Enzensberger in diesem Dialog ein farbiges Bild des von der Zensur seiner Zeit unterdrückten und von der Nachwelt weitgehend vergessenen Philosophen, der vor allem in seinem Buch "Jacques le fataliste" eine unsterbliche Figur mit philosophischem Tiefgang geschaffen hat.

Eine Fernseh-Talkshow im Weimar des frühen 19. Jahrhunderts setzt die Folge der Anachronismen fort. Der Moderator stellt einen bekannten und bereits angejahrten lokalen Dichter und seine Wirkung auf die Umwelt zur Diskussion. Teilnehmer sind typische Vertreter der damaligen Gesellschaft und des Kulturbetriebes. Nachdem die Talkshow-Gäste den "Großmeister" (wer mag es wohl sein...?)  nach menschlichen, ästhetischen und künstlerischen Kriterien gehörig abgekanzelt haben, stellt Enzensberger im Epilog klar, dass alle Aussagen dieser Talkshow aus dieser Zeit stammen und dokumentarisch belegt sind. Das Genie - und vor allem JWG - hat zu Lebzeiten mehr Neider und Hasser als Freunde, so die Quintessenz dieser Gesprächsrunde.

Anschließend führen zwei im Dschungel seit Jahren von Terroristen festgehaltene Deutsche ein Gespräch: ein ehemaliger RAF-Terrorist und ein betrügerischer Banker, für den Holger Pfahls Modell gestanden haben könnte. Während draußen die Welt ins Chaos stürzt, bricht ihre einzige Verbindung zu dieser, der Fernseher, zusammen und überlässt sie ihren Erinnerungen an ihre besten Zeiten und den mittlerweile sinnlosen Diskussionen über Ideologien.

Enzensberger hat hier eine Reihe von pointierten Kurzgeschichten zusammengestellt, die jede ihr eigenes Thema haben und immer wieder den Aspekt der Geschichte und der Zeit in den Vordergrund stellen. Er verzichtet weitgehend auf billige Scherze um die Anachronismen herum und setzt diese nur ein, um die Situation zu schärfen und heller zu beleuchten. Die verbale Interaktion zwischen Individuen verschiedener Epochen steht dabei auch für das Verhältnis unterschiedlicher Kulturkreise untereinander, das heißt, die Zeitverschiebung lässt sich auch als Kulturverschiebung deuten und erhält damit einen emanzipatorischen und didaktischen Aspekt. Trotz aller intellektueller Schärfe liest sich das Buch leicht und geradezu spannend.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41628-6 erschienen und kostet 19,80 €.