| Habib Tengour: "Der Fisch des Moses" |
| Ein Versuch über das Innenleben islamischer Terroristen | |
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Mourad und Hasni kennen sich aus ihren Kindertagen in Algerien und könnten gegensätzlicher nicht sein. Hasni, der Junge aus dem Volk, ohne akademische Ausbildung aber mit viel Bauernschläue und Selbstbewusstsein, sucht, wo immer er sich auch befindet, nach Aktion, einem schnellen Geschäft oder einer Möglichkeit, der Welt seine Stärke zu beweisen. Mourad dagegen, promovierter Physiker, hat die Straßen Algeriens innerlich bereits hinter sich gelassen, ohne dafür einen soliden Gegenpart in der Welt zu finden. Beide treffen sich in Afghanistan in einem Ausbildungslager der Mudschaheddin wieder, die zu dieser Zeit noch von den Amerikanern unterstützt werden. Mourad ist Hals über Kopf aus einem Berufspraktikum in England nach Afghanistan aufgebrochen, da er das dringende Bedürfnis nach der eigenen Mitte befriedigen zu müssen glaubte. Nicht Kommunistenhass - auf die Russen in Afghanistan - und auch nicht islamischer Fundamentalismus haben ihn dorthin geführt, sondern das Gefühl, in der westlichen Welt seelisch buchstäblich gestrandet zu sein, trotz seines beruflichen Erfolges. Er befand sich in einer existenziellen Sinnkrise, die er im Kampf für das afghanische Volk zu bewältigen hoffte. Dort erlebt er jedoch nur Mord und Totschlag der schlimmsten Sorte und muss darüber hinaus feststellen, dass seine Mitkämpfer zum größeren Teil eher abenteuerlustige Desperados sind, die Kampf und Töten als persönliche Herausforderung und als Flucht vor einem ereignislosen und ärmlichen Leben zu Hause betrachten. Die Wenigsten hat politische oder religiöse Überzeugung hierher geführt. Als er bei einem von Hasni angezettelten kriminellen Coup verwundet wird, findet er während der Genesung Zeit, über sein Leben nachzudenken. Anschließend treibt ihn nur noch ein Ziel vorwärts: irgendwo, z.B. in Australien, ein neues Leben ohne Politik und Terrorismus zu beginnen. Das Geld dazu will er sich von Hasni als Anteil aus dem erwähnten Coup holen. Doch kaum in Paris angekommen, holt ihn sein altes Leben wieder ein, so in Gestalt seiner Freundin Lea, die er damals Hals über Kopf verlassen hat und die ihm dies nie verziehen hat. Obwohl mittlerweile glücklich verheiratet, nutzt sie das Wiedersehen, um ihn nach allen Regeln der Kunst fertig zu machen. Zwischen diesen alten Verbindungen und der Suche nach Hasni durchläuft Mourad die gesamte Subkultur der Algerier im Pariser Exil, lernt Gestrandete, Kleinkriminelle und aktive Terroristen kennen und wird gegen seinen Willen immer tiefer in deren Aktivitäten hineingezogen. Der "Showdown" am Schluss kommt wie das Amen in der Kirche und wirft alle Planungen über den Haufen. Am Ende sitzt ein ausgelaugter und fürs Erste geschlagener Mourad am Meer, ohne Perspektive für seine Zukunft, doch mit einem leisen Hoffnungsschimmer in Gestalt einer jungen Frau. Tengour widerlegt in diesem Roman die Vorstellung von Terroristen als fanatische religiöse Fetischisten und entlarvt sie als unreife Abenteurer, die sich der Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst sind und in dieses Milieu eher unbewusst hineinrutschen. Diese Seite charakterisiert er glaubwürdig in Hasni und dem jungen Kadirou. Mourad dagegen stellt für ihn einen Hoffnungsträger dar, der zwar auch an seiner eigenen Entwurzelung in der westlichen Fremde leidet und deswegen zum Kämpfer wird, die Lüge dieses Daseins jedoch bald erkennt und seine Konsequenzen zieht. Es zeigt sich jedoch auch, dass ein Rückzug aus diesem Leben nicht ohne Weiteres möglich ist und die Vergangenheit stets präsent ist. Am Ende lässt Tengour jedoch einen Hoffnungsschimmer aufblitzen, der dem scheinbar endlosen Kreislauf aus Mord und Tod ein Ende setzen könnte. Doch bewusst lässt er die letzte Szene offen und auch eine pessimistische Interpretation zu. Affirmativen Optimismus glaubt er sich denn doch nicht leisten zu können. Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-455-X erschienen und kostet
19,90 Euro. |