Lehmann, das ist, ähnlich wie Schulz, Schmidt und Meier, Synonym für Durchschnittlichkeit und Massenkompatibilität, ohne damit den lebenden Trägern dieser Namen zu nahe treten zu wollen. Ihre weite Verbreitung hat zwangsläufig ihren Missbrauch im Gefolge. Sven Regener hat in seinem Buch "Herr Lehmann" den Namen nicht zufällig gewählt, denn in diesem erst durch seine erfolgreiche Verfilmung populär gewordenen Roman schildert er das naive und ziellose "In-den-Tag-Leben" des dreißigjährigen Wahl-Berliners Frank Lehmann, der bis zu diesem Tag keine vernünftige Lebensperspektive entwickelt hat. In dem vorliegenden Roman beschreibt Regener ein halbes Jahr des jüngeren Lehmann, der gerade seine Lehre beendet hat und zur Bundeswehr eingezogen worden ist. Der Rückgriff auf den ersten Roman, chronologisch der spätere, erscheint notwendig, weil hier manifest wird, was im zweiten Roman bereits (!) angelegt ist. Insofern bleibt Regener sich bei der nachgelieferten Jugend seines Protagonisten treu, wahrt sozusagen rückwärts die Kontinuität und macht dadurch sein erstes Buch glaubwürdig.
Über den Film "Herr Lehmann" haben die Zuschauer herzlich gelacht. Doch erinnert dieses Lachen an die naiv-zynische Bewunderung des Pittoresken in den touristischen Zielen der dritten Welt, das meist aus schlichter Armut besteht. Das Amüsement bei "Herrn Lehmann" empfinden vorrangig Zuschauer aus sozial und intellektuell arrivierten Schichten, sicherlich jedoch nicht solche, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden. Und damit sind wir auch endlich beim vorliegenden Buch: auch hier spiegeln die Rezensionsauszüge im Klappentext "köstliches Amüsement"
wieder; man hat nicht nur geschmunzelt sondern "gelacht wie wahnsinnig". Fragt sich nur, worüber in diesem Buch man derart wahnsinnig lachen soll. Nicht, dass es keine komischen Elemente aufweisen würde oder es der Groteske ermangeln würde. Doch das Lachen bleibt dem Leser eigentlich im Halse stecken, denn die Protagonisten bewegen sich wie gefangene Tiere im Käfig ihrer eigenen Beschränktheit - und das ist jetzt nicht vordergründig gemeint - und ihrer Ziellosigkeit. Frank Lehmann hat gerade seine Lehre beendet - zum Abitur hatte es wegen mangelnden Interesses (und Fleißes) nicht gereicht - und hat die rechtzeitige Wehrdienstverweigerung verschlafen. Also muss er zu den Pionieren und wird dort mit disziplinarischen Schikanen der üblichen Art konfrontiert. Zu Hause sucht er den erstbesten Anlass, um den kleinbürgerlichen Haushalt der Eltern zu verlassen und sich in einer WG einzuquartieren, in der er künftig die Wochenenden verbringen will. Doch was für ihn ein Fortschritt ist, stellt sich für den Leser als ein Schritt vom Regen in die Traufe dar. Denn diese Wohngemeinschaft ist an sozialem, finanziellem und hygienischem Chaos kaum noch zu überbieten. Die Renovierung der alten Wohnung beschränkt sich auf eine (!) Tapetenbahn, Reste baulicher Maßnahmen bleiben liegen, Geschirr verschimmelt in der Küche und laufend nutzen irgendwelche angeblichen "Kumpel" die Wohnung als anfangs temporäre, dann permanente Bleibe. Die "Urbewohner" bekriegen sich mehr oder minder subtil, schmieden wechselnde Koalitionen gegeneinander und führen ansonsten revolutionäre Reden, obwohl sie selbst die jeweiligen kommunistischen Gruppen längst verlassen haben.
In diesem Ambiente also will sich Frank Lehmann am Wochenende vom Bund erholen. Da endet natürlich bald jeder Abend in irgendwelchen Kneipen, und der Vollrausch am Wochenende entwickelt sich - bei allen Bewohnern der WG - zum Standardprogramm. Keiner von ihnen verfolgt nachvollziehbare Ziele, wenn nicht das, den jeweiligen Tag zu überstehen und möglichst nicht im nüchternen Zustand. Frank Lehmann ist durch seine Einbindung in den militärischen Alltag während der Woche im gewissen Maße vor diesem "Ambiente" geschützt, fällt ihm aber am Wochenende ebenfalls zum Opfer. Ein halbherzig angegangener Versuch einer nachträglichen Wehrdienstverweigerung scheitert, er wird auf einen ruhigen "Druckposten" versetzt, besucht von Zeit zu Zeit seine nervenden Eltern, trifft seinen - als Künstler gescheiterten? - Bruder aus Berlin wieder, knüpft eher lustlos kurzfristige Beziehungen zu Mädchen, verliebt sich schließlich, erhält jedoch den Laufpass, wird dann sogar aus der WG geworfen (die kurz danach vom Gesundheitsamt(!) geschlossen wird) und entschließt sich schließlich, mit allem radikal Schluss zu machen, jedoch nicht durch Freitod. Das letzte Bild zeigt ihn mit seinem klapprigen Auto auf dem Weg nach Berlin zu seinem Bruder, wo wir ihn gut neun Jahre später als den immer noch ziellos vor sich hin lebenden "Herrn Lehmann" wieder treffen.
Regener stellt in seinem Roman drei parallele Lebenswelten vor: die klassische, (klein)bürgerliche Familie mit ihren gerade für junge Menschen oft unerträglich erscheinenden Beschränkungen, die gesellschaftliche Zwangsorganisation des Militärs, die das Individuum im Sinne einer - wie auch immer bewerteten - kollektiven Aufgabe auf ein Minimum reduziert, und schließlich die selbst organisierte Gemeinschaft junger Menschen, die sich letzten Endes als reines Chaos darstellt. Der Autor lässt diese drei Welten vor dem Leser Revue passieren und verzichtet selbst auf eine eigene Stellungnahme. Diese überlässt er seinen Lesern.
Nimmt man den Roman als Spiegelbild der bundesdeutschen Gesellschaft und vor allem der Jugend Anfang der Achtziger, lässt er sich eigentlich nur als - nachträgliches - Menetekel deuten. Wenn diese Beschreibung repräsentativ für die damalige Jugend sein sollte, hätten wir heute Millionen von alkoholkranken Sozialhilfeempfängern, und die Wirtschaft läge wohl noch weit mehr im Argen als sie es tatsächlich tut. Als Situationsbeschreibung einer bestimmten Gruppe, ohne den Anspruch einer möglichst authentischen Abbildung der gesellschaftlichen Verhältnisse, ist dieser jedoch Roman gelungen. Regener beweist dabei ein natürliches Erzähltalent, dass sich vor allem bei der Darstellung der Kommunikation in verschiedenen sozialen Gruppen zeigt. Grotesk und treffend die Diskussionen zwischen Frank Lehmann und seinen Eltern, die entweder nichts kapieren, nicht zuhören oder nur
abgestandene Weisheiten von sich geben; ebenso die pseudo-revolutionären Sprüche der jungen Studenten, die ebenfalls vorgestanzte Texte non sich geben und selbst diese "Statements" nicht leben. Auch die Atmosphäre in der Bundeswehr mit unwilligen, lethargischen Wehrpflichtigen und aggressiven, weil genervten Vorgesetzten fängt er sehr gut ein. Dabei spitzt er die Situationen immer wieder soweit zu, dass das Groteske dahinter zum Vorschein kommt, ohne dabei in überzogenen Klamauk zu verfallen. Zwangsläufig haben diese grotesken Situationen - sei es beim Militär, den
Eltern oder der WG - immer eine komische Seite, doch das Lachen bleibt dem Leser - wie bereits gesagt - im Halse
stecken.
Das Buch ist im Eichborn-Verlag unter der ISBN 3-8218-0743-1 erschienen und umfasst 582 Seiten.