Rafik Schami: "Die dunkle Seite der Liebe"

Ein Lebensrückblick als Liebeserklärung und Abrechnung 
   

Syrien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: zwischen dem Schahin-Clan und dem Muschtak-Clan besteht seit Ende des 19. Jahrhunderts eine Blutfehde. Die Schahins sind Moslems, die Muschtaks Christen. Die verfeindeten Familien kommen ursprünglich aus dem kleinen Bergdorf Mala, und zwischen ihnen gab es schon immer eine Konkurrenzsituation. Jeder wollte in Mala der Mächtigere sein, und die unterschiedliche Religionsauffassung verschärfte die Situation noch. Doch die Liebe geht eigene Wege. Sie nimmt wenig Rücksicht auf verfeindete Familienstrukturen - da ist sich Rafik Schami mit Shakespeare einig. Immer wieder passiert es, dass sich Angehörige der einen Familie in Angehörige der anderen Familie verlieben, und immer wieder müssen die Liebenden erfahren, dass es für sie keine Gnade, kein Verständnis, keine Toleranz gibt, dass ihre Liebe blutig zerstört wird. Es sei denn, sie schaffen die Flucht ins Ausland und entziehen sich so der Familienrache.

Rafik Schami erzählt Schicksalsgeschichten aus drei Generationen und schildert den eskalierenden Hass, der kein Ende nehmen will. Gleichzeitig lässt er hundert Jahre syrische Geschichte lebendig werden, in denen das Volk Unterdrückung durch Politik und Religion erfährt und immer aufs Neue lernen muss, sich anzupassen, unterzuordnen, unsichtbar zu werden, um zu überleben. Ein großer Teil des Romans ist dem Leben in Damaskus gewidmet, wo Farid aus dem Muschtak-Clan und Rana aus dem Schahin-Clan ihre Liebe zueinander entdecken. Aber selbst in der Großstadt gibt es für die beiden kaum eine Möglichkeit, ihre Liebe auszuleben.

Rafik Schami hat mit seinem Roman ein umfangreiches Werk mit vielschichtigen Facetten des menschlichen Daseins und mit den dramatischen Auswirkungen der unterschiedlichen Auffassungen von Moslems und Christen geschaffen. Wenn man die gut 900 Seiten gelesen hat, bekommt man eine Ahnung davon, wieviel Kraft und Toleranz die westliche Welt noch wird aufbringen müssen, um die arabische Welt zu verstehen und sich in einem friedlichen Miteinander gegenseitig zu respektieren.

Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-20536-5 erschienen und kostet 24,90 Euro.