| Christoph Hein: "Landnahme" |
| Eine DDR-Biographie aus fünf Perspektiven | |
|
Christoph Hein hat sich in den neunziger Jahren zu einem der profiliertesten Schriftsteller der ehemaligen DDR entwickelt, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil er seine Landsleute während der grauen vierzig Jahre mit unbestechlichem Blick beobachtet hat und die Schwächen des Systems und seiner Bewohner wie mit einem Skalpell seziert, sondern weil er dies ohne jegliche Anbiederung an die westlichen "Landnehmer" tut. Der Titel des vorliegenden Buches passt zu den Gewinnern des Jahrzehnte währenden Ideologiekampfes, ohne dass diese damit gemein seien. Doch bei aller Kritik gegenüber den Zuständen in der untergegangenen Republik schwingt in den Romanen der 90ern auch immer eine unterschwellige Distanz zur westlichen Weltsicht mit. Romane wie "Von allem Anfang an", "Willenbrock", "Horns Ende" oder "Das Napoleonspiel" zeichnen die sozialistische wie (neu-)kapitalistische Welt treffsicher und mit einer auf jegliche Polemik verzichtenden kritischen Grundhaltung nach. In seinem neuen Roman geht Hein zurück bis an die Anfänge der DDR. Vertriebene aus dem Osten - im damaligen Sprachgebrauch politisch korrekt "Umsiedler" genannt - landen in der DDR und werden bei Ortsansässigen einquartiert. Wie auch im damaligen Westen weckt dieser Umstand durchaus nicht Gefühle der Solidarität und des "Mitleidens", sondern lässt den ganzen Fremdenhass wieder hochkommen, der zwölf Jahre lang von amtlicher Seite verordnet worden war. Die grausame Ironie läuft darauf hinaus, dass die die örtliche Bevölkerung die um ihr gesamtes Hab und Gut gebrachten Zugereisten in geradezu naiver und selbstzufriedener Übereinstimmung wegen dieser ihrer - unverschuldeten - Armut als Hungerleider und "Verlierer" brandmarkt. Unter den Umsiedlern ist auch der einarmige Tischler Haber mit seinem Sohn Bernhard. Der für einen Tischler katastrophale Verlust eines Armes wird zum Anlass unzähliger billiger Späße und genüsslicher Prophezeiungen des Scheiterns, und sein Sohn spürt diese Haltung schon bald in der Grundschule, in der sich keiner mit dem wortkargen und geistig etwas schwerfälligen Berhard anfreunden will. Sein aus objektiver Sicht verständliches Misstrauen wird ihm sofort als Charakterfehler ausgelegt und treibt ihn in einen "circulus vitiosus" hinein, aus dem er sich selbst nicht befreien kann. Hein lässt nacheinander fünf Bewohner aus dem Ort zu Wort kommen, die ihre Zeit mit und ihren Eindruck von Bernhard Haber beschreiben. Da ist zuerst Tomas Nicolas, ein Mitschüler aus der Grundschule, der die erste Zeit mit ihm zusammen ist, bis sich die schulischen Wege trennen, der den gewaltsamen Tod von Bernhards geliebtem Hund und die ärmlichen Verhältnisse der Familie genauso mitbekommt wie die Vorurteile seines eigenen Elternhauses und der Lehrer. Anschließend berichtet das Mädchen Marion über ihre sich langsam entwickelnde Freundschaft zu Bernhard, die jedoch nie die Grenzen der pubertären Erotik überschreitet und es bei einem einzigen Kuss belässt. Diese Freundschaft endet jäh, als sich Bernhard scheinbar grundlos in unsolidarischer Weise politisch bei der Zwangskollektivierung der Bauern engagiert. Peter Koller ist der nächste Schulfreund, der mit ihm bereits kleinkriminelle Streiche ausheckt und die sich ausprägende Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit Bernhard Habers zu spüren bekommt. Er lässt sich auch auf ein gefährliches aber lukratives Spiel als Schleuser für Republikflüchtlinge ein, die Koller ins Gefängnis bringen, Haber jedoch wohlhabend machen. Katharina ist die Schwester von Habers späterer Frau und lernt Haber so nahe kennen, wie sich Mann und Frau kennen lernen können, aber auch seine Sturheit und seine Verletzlichkeit, die nicht zuletzt auf seinem Außenseitertum als Umsiedler beruht. Sie wird ihn bis zum Schluss des Romans - die Jetztzeit - nicht aus den Augen verlieren. Das Gleiche gilt für Sigurd, der Bernhard Haber schließlich als erfolgreichen Tischlereibesitzer und Geschäftspartner kennen lernt und sich mit ihm auch gerne über die Kinde familiär verbünden würde. Doch auch er spürt die große Wunde in Habers Seele, die der gewaltsame Tod seines Hundes und der dubiose Tod seines Vaters hinterlassen haben, und den fast unstillbaren Rachedurst. Wenn die Geschichte schließlich ohne dramatischen oder gar tragischen Knalleffekt ausgeht, spiegelt sie damit nur die Wirklichkeit, in der die Menschen meist einen mehr oder minder ehrlichen Frieden mit ihrer Umwelt schließen, um das mittlerweile Erreichte nicht zu zerstören. Haber ist schließlich in dem Ort angekommen, aber nur als seelischer Invalide. Heins Roman besticht durch die klare und nüchterne Sprache sowie den Verzicht auf vordergründige Anklagen oder moralische Wertungen. Allein die Worten und Taten aller Beteiligten reichen als Beschreibung einer Welt, die sich auch nach der ersten großen politischen Wende nach 1945 nicht geändert hatte und sich wahrscheinlich auch nach 1989 nicht ändern wird. Christoph Hein schildert die Menschen in all ihren Vorurteilen, ihrer Missgunst und ihrer zerstörerischen Solidarität nicht mit sondern gegenüber dem Außenseiter, doch auch die Kraft und die Beharrlichkeit dieser vom Schicksal Getroffenen, die sich gegen alle Widerstände durchbeißen müssen und dabei zwangsläufig viel menschliche Substanz verlieren. Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41601-4 erschienen und kostet 19,90 Euro. |