Sigrid Damm: "Das Leben des Friedrich Schiller"

Periphere Annäherung, die viele Fragen offen lässt 
   

Prädikatlose Satztorsen. Stakkatosätze. Hingeschriebene Gedankenfetzen. Stilistische Manie. "Eine Wanderung" als Untertitel. Versuch einer Annäherung. 

Der oben angedeutete Stil beherrscht Sigrid Damms Schiller-Biographie und wird nachgerade zum Ärgernis. Nun erlaubt zwar die deutsche Sprache durchaus den prädikatlosen Satz als Einsprengsel oder stilistisches Ausrufezeichen. Wenn aber nach jedem Satz ein Ausrufezeichen steht, verliert dieses seine Wirkung und wirkt irgendwann nur noch lächerlich. So geht es dem Leser auch mit den Satztorsen der Sigrid Damm. Auch wenn stilistische Eigenarten nicht unbedingt entscheidend für die Qualität eines Buches sind, spielen sie bei der Lektüre und damit auch bei der Bewertung eine nicht unerhebliche Rolle. Und so wirkt auch eine weitere stilistische Technik etwas störend: Sigrid Damm flicht unzählige Zitate aus historischen Dokumenten - Briefen, Tagebucheintragungen  und dergleichen - nicht nur in den Text ein, sondern verbindet die kursiv gedruckten Passagen mit eigenen Konjunktionen, so dass sie sozusagen zum Teil der Meta-Ebene werden, der biographischen Beschreibung. Das kann man natürlich machen und es kann auch belebende Wirkung zeigen, nicht jedoch wenn es auf jeder Seite zwei bis drei Mal erfolgt. Auf diese Weise wird die Lektüre sehr erschwert, da der Leser jederzeit genau darauf achten muss, was noch Zitat und was bereits verbindender Text der Autorin ist. 

Soviel vorab zum Äußerlichen dieser Biographie. Doch auch bei dem eigentlichen Inhalt sind kritische Anmerkungen nicht zu vermeiden. Sigrid Damm versucht, den Menschen Schiller von außen zu erforschen, das heißt, nicht aus seinem Werk sondern als Sohn, Ehemann, Vater, Staatsbürger und Freund (von Goethe). Dieser Ansatz klingt ein wenig danach, als wolle man ein Bild nach seinem Rahmen bewerten. Schiller war nun einmal nicht in erster Linie ein Vertreter des normalen bürgerlichen Lebens mit oben genannten Ausprägungen sondern vor allem einer der bedeutendsten Dramatiker und Ästhetik-Theoretiker des 18. Jahrhunderts. Damit muss eine Biographie auf die Werke auch inhaltlich eingehen und deren Aussagen in Beziehung zum Leben des Autors bringen. Bei Sigrid Damm jedoch bilden die Dramen und Schriften lediglich biographische Haltepunkte; die Bedeutung der einzelnen Werke wird nur im Rahmen einer eher generellen literaturwissenschaftlichen Einordnung und bezüglich ihrer Rezeption durch die Umwelt Schillers gewürdigt. Sporadische Ansätze einer Interpretation der Werke einschließlich der Intentionen und Hintergründe des Autors sind durchaus vorhanden, aber sie reichen bei weitem nicht aus, um der Person Schiller gerecht zu werden. Dafür berichtet Sigrid Damm viel über Alltägliches, Ärger mit dem Hof, Eitelkeiten, Tagesabläufe in nur leicht abgewandelten Wiederholungen. Schillers Elternhaus und die Schicksale von Eltern und Schwestern werden intensiv und umfassend dargestellt, für eine Schiller-Biographie fast zu detailliert. Dem Tod der Mutter und des Vaters wird wesentlich mehr Raum eingeräumt als Schillers eigenem Ende, das als Zitat nicht mehr als eine halbe Seite einnimmt. Zwar hat Schiller schon Jahre vor seinem Tod an ein frühes Ende geglaubt, aber das sind nur Bemerkungen aus Tagebüchern und Briefen und keine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Nun sollte so eine Biographie natürlich nicht zur Krankengeschichte ausarten, aber das Missverhältnis bei der Schilderung der einzelnen Lebensenden ist symptomatisch für den Mangel des Buches. Man erfährt viele Details aus Schillers Umwelt, von ihm jedoch außer unmittelbaren Zitaten aus Briefen und Tagebüchern keine tiefer gehenden Interpretationen von Leben und Werk. Man kann eben kein Bild nach seinem Rahmen bewerten.

Doch gelingt Sigrid Damm mit dem Buch - ungewollt? - eine erstaunlich detailfreudige Beschreibung des Weimarer Hofes und der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse. Wo Schiller zu kurz kommt, erfahren wir um so mehr über Carl August, verschiedene Damen des Hofes und auch zeitgenössische Literaten wie Kotzebue oder die Gebrüder Schlegel; und diese facettenreiche Schilderung des gesellschaftlichen Lebens gegen Ende des 18. Jahrhunderts hat durchaus ihren eigenen Wert.

Das Buch ist im Insel-Verlag unter der ISBN 3-458-17220-3 erschienen und kostet 24,90 Euro.