Franz-Olivier Giesbert: "Der Schlächter"

Beklemmender Blick in die Zukunft 
   

Vorab eine Anmerkung: das Kernthema dieses Krimis werden wir hier nicht enthüllen, um potentiellen Lesern nicht die Spannung zu rauben. Denn der Autor selbst verbirgt den wahren Hintergrund der scheußlichen Verbrechen sehr lange, zum einen, weil die Hintergründe kaum vorstellbar sind, zum andern, weil er dadurch die Spannung erhalten kann. Allerdings zeigt es sich am Ende, dass die scheinbar unvorstellbare - noch fiktive - (Roman-)Wahrheit nicht soweit entfernt liegt, wie wir vielleicht glauben (möchten).

Die Pariser Kommissarin Marie Vastre wird mit einem scheußlichen Verbrechen konfrontiert: ein Kofferdieb kommt bei der Flucht vor dem Besitzer unter einen Zug, und die Polizei entdeckt in dem Koffer den Kopf einer jungen Frau. Der Besitzer ist nach dem Unfalltod des Diebs natürlich geflohen, ohne erkennbare Spuren hinterlassen zu haben. Das Besondere an diesem Fund ist die Tatsache, dass der Kopf nicht - wie bei Morden dieser Art üblich - gewaltsam sondern mit chirurgischer Präzision abgetrennt wurde. Der Umstand, dass die junge Frau Tochter eines Polizeibeamten war, erhöht natürlich den Ermittlungsdruck. Marie Vastre fängt in zwei Richtungen zu ermitteln: zum einen im Umkreis der Schlachthöfe, da auch dort das Enthaupten und Ausweiden von Lebewesen "professionell" vonstatten geht, zum anderen bei den chirurgischen Kliniken. 

Die Recherchen bei den Kliniken stoßen bald auf Kritik bei den Vorgesetzten, weil dabei hochstehende Persönlichkeiten "ohne Grund" belästigt werden. Schließlich verkehrt der Polizeipräsident (gerne) in diesen Kreisen. Daher ist Vorsicht bei den Ermittlungen geboten. Bei ihrer Reise durch die Schlachthöfe lernt Marie Vastre den sensiblen Nordafrikaner Ramdane kennen, der wegen seiner Umsicht und Sorgfalt als hervorragender Schlächter gilt. Er erweist sich als erstaunlich sensibler Mann, der seinen Beruf wie in Trance ausübt, da er permanent mit den Blicken der todgeweihten Kreaturen konfrontiert wird.  Giesbert vermittelt anhand der Beschreibung von Ramdanes Arbeitsumwelt einen erschreckenden und bewegenden Einblick in die Welt der Schlachthöfe, die ihre Opfer durch die Hintertüre einlassen, um der Umwelt den Anblick von Todesahnung erfüllter Tiere zu ersparen. Denn die Tiere wissen genau, was ihnen bevorsteht. Ihre angsterfüllten Schreie und die hervorquellenden Augen der Kälber und Schafe - vor allem der kleinen Lämmer - sprechen Bände.  Ohne ein einziges anklagendes oder gar polemisches Wort gegen die Fleischindustrie und eine Fleisch verschlingende Menschheit präsentiert Giesbert allein durch die exakte Beschreibung ein flammendes Plädoyer gegen den Fleischverzehr. Man kann darüber zum Vegetarier werden.

Aber darum geht es dem Autor nur peripher. Sein eigentliches Anliegen betrifft das "Innenverhältnis" der menschlichen Gesellschaft und ihre Stellung zu Krankheit und Tod, und dies bettet er geschickt in eine kriminalistische Handlung ein. Noch weitere junge Frauen werden entführt, immer schön und gesund. Köpfe tauchen zwar nicht mehr auf, aber das Entführungsmuster bleibt das Gleiche. "Kollateralschäden", hier der Mord an dem Ehemann eines Entführungsopfers, lassen den Fall noch komplexer erscheinen. Parallel dazu erhält der Leser aus der "allmächtigen" Sicht des Autors Einblick in andere Personenkreise, die offensichtlich Nutznießer der Morde sind, doch wie die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verwoben sind, enthüllt sich dem Leser nur langsam, dann allerdings um so schrecklicher. Dass der Krimi am Ende mit der Entlarvung der Übeltäter endet, tröstet nur marginal, da das eigentliche Problem dadurch nicht gelöst wird. Es schwebt weiterhin über der Gesellschaft wie ein Damoklesschwert.

Giesbert, der bereits mit dem Roman "Die Suhle" viel Beachtung gefunden hat, überschreitet in diesem Buch die Grenzen des Kriminalromans. Nur vordergründig geht es hier um die Aufklärung mehrerer Mordes bzw. Entführungen. Zentrales Thema ist die Einstellung der Gesellschaft und des Einzelnen zu seiner Umwelt, speziell auch den Tieren, zu Krankheit und Tod sowie um den Begriff eines menschenwürdigen Lebens. Dem passt sich der Stil des Autors an, der nicht nur spannend-nüchtern die Ereignisse beschreibt, sondern ein hohes persönliches Engagement widerspiegelt und dies auch in eine literarische Hochsprache umsetzt, die bisweilen poetischen Charakter annimmt. Doch ins Sentimentale gleitet Giesbert deswegen nie ab. Eine "Marotte" des Autors besteht weiterhin darin, den Text mit "offenen Mitteilungen" des Autors zu spicken, das heißt, er kommentiert den fiktiven Inhalt seines Buches mit realen persönlichen Meinungen und Erfahrungen, die er jedoch nicht einer seiner Personen in den Mund legt, sondern ohne Anführungsstriche und Parenthese direkt ausspricht. Das irritiert zuweilen, kann aber auch originell wirken.

Auf jeden Fall gehört dieser Roman zu den unbedingt lesenwerten Büchern, ja, es sollte eigentlich zur Pflichtlektüre jedes aufgeschlossenen Zeitgenossen werden, der sich über die Entwicklungen der modernen Welt auf dem Laufenden halten möchte.

Das Buch ist im PIcus-Verlag unter der ISBN 3-85452-480-3 erschienen und kostet 19,90 Euro.