Peter Handke: "Untertagblues"

Publikumsbeschimpfung in der U-Bahn 
 

 

Peter Handke rückte als junger, zorniger Schriftsteller vor Jahrzehnten mit seiner "Publikumsbeschimpfung" in das literarische Rampenlicht, in der er unmittelbar sein Publikum - die Jury bei einem Literaten-Wettbewerb - beschimpfte, diese die Provokation jedoch flugs in die Kunstgefilde hinwegklatschte. Seitdem ist der Autor eine feste Größe im deutschen Literaturbetrieb. Natürlich kann man darüber philosophieren, wie eine bloße Beschimpfung zum literarischen Erfolgsmuster werden kann, aber dafür ist hier nicht der Ort....

In dem vorliegenden Bändchen - es ist ein kurzes, kompaktes Buch - nimmt Handke das Thema seiner "Publikumsbeschimpfung" wieder auf, jetzt aber nicht mehr unmittelbar an die Adresse der Leser gerichtet, sondern in Form einer dramaturgischen Szenerie, von ihm selbst im Untertitel als "Stationendrama" bezeichnet. In einer U-Bahn, deren Stationen alternativ Namen aus der ganzen Welt - Österreich, Deutschland, Frankreich, England, USA - tragen, fährt ein Mann von einer äußeren Station durch die Stadtmitte bis zur anderen äußeren Station. Man erkennt diesen Weg an der Zahl der ein- und aussteigenden Fahrgäste. An einen Pfosten gelehnt, beginnt der WILDE MANN das Publikum zu beschimpfen. Er fühlt sich von den Mitmenschen aller Art belästigt. Allein ihre Existenz, ihr Dasitzen, erregen Ekel und Aggression in ihm. Das Beispiel U-Bahn ist gut gewählt, da wir alle den Effekt einer dicht gedrängten Menschenmenge kennen und die Aggression, die sie bei uns aufgrund der Einengung des persönlichen "Intim-Reviers" weckt. Die meisten Menschen überstehen diese Phasen mit stoischem Gleichmut und steinerner Miene, der Protagonist des "Untertagblues´" jedoch lässt die ganze angestaute Aggression aus sich heraus. Er sucht sich einzelne Fahrgäste heraus und greift sie direkt an, wobei er sie nicht unbedingt anschaut, sondern eher einen Monolog ohne direkten Kontakt zu seinen Opfern führt. Diese zeigen keinerlei Reaktion, so dass man den Monolog eher als gedachten denn als laut geäußerten verstehen kann. 

Handke geht nach anfänglicher pauschaler Beschimpfung des Publikums - sie sind durchweg hässlich, beleidigen das ästhetische Gefühl des Protagonisten, nehmen ihm die Sicht auf wirklich sehenswerte Dinge - auf bestimmte Eigenarten der Fahrgäste ein: das Hochziehen der Hosenbeine,  das Blättern im Terminkalender, das selige Lächeln einer jungen Frau. Alles ist ihm ein Greuel, beleidigt sein Ego und hat gefälligst zu verschwinden. Dann kristallisieren sich einzelne Archetypen heraus: den kirchliche Würdenträger setzt er mit dem Papst und dessen religionspolitischen Ansichten gleich und macht ihn dafür haftbar, ein elegantes Paar denunziert e als privilegiert-verlogenen Oberschicht-Jetset, einem wissenschaftlichen Preisträger hängt er alle Sünden der Wissenschaft und Technik sowie die Selbstbeweihräucherung der internationalen Vortragsreisenden an den Hals, den älteren Herrn im Wanderkostüm lässt er den ganzen Hass auf die Alten spüren. 

So steigert sich sein Wutausbruch bis zur vorletzten Station, bei der die letzten Fahrgäste die Bahn verlassen. Endlich allein, genießt er kurzzeitig die Abwesenheit aller störenden Elemente. Doch der Jubel währt nicht lange, setzt doch bald der Katzenjammer der Einsamkeit ein. Ohne die verhasste Umwelt kann der selbstdefinierte Individualist unserer Tage nicht mehr leben, und wenn nur deshalb, weil ihm nun die Objekte für seine Hassgesänge fehlen. Das Ego definiert sich über die Abgrenzung von den Anderen und durch deren Ablehnung. Fehlen sie, bricht auch sein Selbstbewusstsein zusammen, da er nur durch sie lebt. Fast greinend fleht er um die Rückkehr der so heftig Beschimpften, als die WILDE FRAU, eine äußerst attraktive Erscheinung, den Zug betritt und ihm in einem kompromisslosen Monolog mit gleicher Münze heimzahlt. Seinen egozentrischen Schönheitswahn entlarvt sie als seine Hässlichkeit, wünscht ihn auf einen einsamen Planeten, wo er allein sein kann, bis er um Gesellschaft bettelt, und sei es die des Hässlichsten aller Hässlichen. Zum Ende tauchen neben dem stumm gegenüber stehenden Paar alle Fahrgäste wieder auf, fein gemacht wie die WILDE FRAU, und der WILDE MANN ist der einzig Unscheinbare.

Dies dramaturgische "Fingerübung" Handkes, die teilweise an Thomas Bernhard erinnert, nimmt den immer weiter um sich greifenden Schönheits- und Jugendwahn sowie die wachsende Egozentrik gerade gehobener Schichten aufs Korn. Die U-Bahn als Metapher für die medienhörige Großstadtgesellschaft mit ihrer Betonung des Ichs, der Forderung nach freier Entfaltung und die Denunzierung der anderen. Die Strafrede der WILDEN FRAU  lässt sich als die Aufgabe der Literatur interpretieren, doch nicht im Mantel der landläufigen Medien, sprich der einfachen, "hässlichen" Fahrgäste, sondern in Gestalt herausragender, unbestechlicher Literaten, wie zum Beispiel der Autor einer zu sein meint. Die Beschreibung der WILDEN FRAU als äußerst attraktiv lässt auf ein entsprechendes Bild Handkes vom Literaten schließen. Das ist soweit durchaus legitim, als er es zum Leitbild für die gesamte ernsthafte Literatur erhebt, und diese Absicht wollen wir unterstellen. 

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41392-9 erschienen und kostet 14,90 Euro.