David Guterson: "Unsere liebe Frau vom Wald"

Roman über Wunderglauben und Hysterie 
 

 

Am 10. November 1999 sammelt Ann, ein junges Mädchen von sechzehn Jahren, im Wald Pilze. Unterwegs schluckt sie Antihistamin gegen ihre Allergien. Sie findet Pfifferlinge, rastet zwischendurch und gerät immer tiefer in unbekannte Gefilde, bis sie sich schließlich in die flirrende Wärme eines Sonnenstrahls legt und in den Himmel schaut . Dabei schläft sie ein und träumt von einer Frau, die in der Dunkelheit leuchtet wie von einem Scheinwerfer angestrahlt. Diese Frau befiehlt ihr, vom Boden aufzustehen und weiter Pilze zu suchen. Weiter dringt das Mädchen in den Wald vor, als ihr plötzlich zwischen zwei Bäumen eine Lichtkugel - fast wie ein Gasballon - auffällt. Sie erschrickt fürchterlich und läuft davon, doch das Licht schwebt auf sie zu, wird immer größer und klarer, bis eindeutig ein menschliches Gesicht zu erkennen ist. Sie fühlt sich ausgeliefert, fällt auf die Knie und verspricht, nie wieder zu sündigen. Wenig später verschwindet das Licht. Ann kehrt zurück zu ihrem Domizil auf dem Campingplatz und erzählt ihrer Bekannten Carolyn von der Erscheinung. Die glaubt zuerst, dass Ann auf Drogen ist, begleitet jedoch die Freundin am nächsten Tag in den Wald und erlebt dort, wie etwas mit Ann geschieht; wie diese erstarrt, wie ein krampfartiges Zucken um Mund und Schultern auftritt und wie Ann schließlich behauptet, sie habe die Heilige Jungfrau gesehen und die habe ihr den Auftrag erteilt, dort im Wald eine Kirche zu errichten.

Wie ein Lauffeuer breitet sich die Geschichte in der Provinz aus. Anfangs glauben noch wenige Menschen an Anns Geschichte und begleiten sie in den Wald, doch schon nach wenigen Tagen kommen ganze Pilgerscharen, die von der Marienerscheinung gehört haben. Sie trampeln den Wald nieder, hinterlassen Berge von Unrat, und der Sheriff der Region versucht verzweifelt, die Lage in den Griff zu bekommen. Prompt schaltet sich auch die Kirche ein und will herausfinden, wie glaubwürdig Anns Geschichte ist. Kranke erhoffen sich Heilung von der Jungfrau Maria, andere wieder wollen gute Geschäfte machen, und jeder hofft irgendwie auf sein persönliches Wunder. Und Ann, dieses nichtssagende, blasse, immer etwas kränkelnde Geschöpf, entwickelt sich zu einer fanatischen religiösen Kämpferin.

David Guterson hat einen packenden Roman über die Sehnsüchte und Ängste der Amerikaner geschrieben und damit gleichzeitig eine gesellschaftskritische Analyse der USA geliefert: einer Gesellschaft, die einerseits derart "tough", kommerziell, machtbewusst und fortschrittlich daherkommt, die andererseits aber so hilflos, naiv und voller Sehnsucht nach dem Sinn des Lebens sucht.

Das Buch ist im Bertelsmann-Verlag unter der ISBN 3-570-00815-0 erschienen und kostet 22,90 Euro.