| Gertrude Stein/Barbara Köhler: "Tender Buttons - Zarte knöpft" |
| Worte, zum Selbstzweck gewendet | |
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Barbara Köhler hat sich der - dankbaren oder undankbaren? - Aufgabe angenommen, den Band "Tender Buttons" ins Deutsche zu übersetzen und gleichzeitig zu kommentieren. Nun darf man unter "Übersetzen" nicht die möglichst sinn- oder gar satzgetreue Übertragung in eine andere Sprache verstehen. Dieses experimentelle Buch lässt sich in einer anderen Sprache eigentlich nur "nachempfinden", und das versucht Barbara Köhler auch, mit allen Risiken der Freiheiten, die sie sich notgedrungen herausnimmt. Die Übertragung ins deutsche erfolgt seitenweise, wobei die linke Seite immer den englischen, die rechte den deutschen Text enthält; um die Lektüre einfacher zu gestalten, hat sich Barbara Kühler darum bemüht, die Überschriften beider Versionen möglichst parallel zueinander anzuordnen. Am Ende des Buches hat sie noch einen eigenen Essay angefügt, der eine Einführung in die Originaltexte von "Tender Buttons" sowie Erklärungen zu der Übertragung ins Deutsche enthält. "Tender Buttons" könnte in einer linearen Übersetzung lauten: "Zarte Knöpfe" - was immer das heißt. Doch schon hier stockt die "Co-Autorin". Gertrude Stein meint die Worte nie in ihrem geläufigen Sinn, sondern erkennt Mehrdeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten in den Worten, kehrt diese bewusst in den Vordergrund und lässt den Leser mit einem Vexierbild der Worte allein. Ihre Beschreibungen ergeben keinen Sinn nach herkömmlicher Auffassung, sondern fügen Inkommensurables zusammen und lassen einen Text als Sammlung von Worten wirken. So kann dann "Buttons" durchaus auch als 3. Personal Singular eines Verbs verstanden werden, das im Gegensatz zu "unbutton" (Aufknöpfen) das Zuknöpfen meint, muss es jedoch nicht. Gertrude Stein nimmt sich in diesem Band drei Bereiche des täglichen Lebens vor: "Objects" (Gegenstände), "Food" (Essen) und "Rooms" (Räume). Um dem Leser einen Eindruck zu vermitteln, sei hier die gleich die erste "Objektbeschreibung" zitiert: "A CARAFE, THAT IS A BLIND GLASS - A kind in glass and a cousin, a spectacle and nothing strange a single hurt color and an arrangement in a system to pointing. All this and not ordinary, not unordered in not resembling. The difference is spreading." (nach dreimaliger Lektüre des Eingetippten kann der Rezensent bestätigen, sich NICHT vertippt zu haben!). Der des Englischen mächtige Leser wird Schwierigkeiten haben, aus dieser Wortfolge eine syntaktisch und semantisch konsistente Aussage zu extrahieren, so wie man es halt bei jedem Text versucht. Dieser Versuch muss bei "Tender Buttons" jedoch scheitern. Nicht eine "sinnvolle" Aussage steht für Gertrude Stein im Vordergrund, sondern die Erfassung des Wesentlichen eines Gegenstandes durch das Mittel des Wortes. Dabei spielt die funktionale Rolle - der Zweck - eines solchen Objekts nur eine untergeordnete Rolle. Sie versucht, dem Gegenstand als solchem auf die Spur zu kommen. Wir alle kennen einen solchen Effekt von dem alten Spiel, ein beliebiges Wort wie "Tisch" oder "Baum" immer wieder vor uns her zu sagen. Irgendwann entwickelt sich das Wort zu einem monströsen Gebilde ohne jeglichen Sinn, weil wir es durch die permanente Wiederholung auf seinen Selbstlaut reduziert und ihm den Bezug zum Bezeichneten genommen haben. Gertrude Stein versucht mit ihren scheinbaren sinnlosen Beschreibungen, die Dinge auf ähnliche Weise aus unserem pragmatischen Gesichtsfeld zu entfernen und sie völlig neu zu erfassen. Akribisch beschreibt sie im Anschluss an die Karaffe Gegenstände wie "A BOX", "A PIECE OF COFFEE", "DIRT AND NOT COPPER", "A RED STAMP", um nur Begriffe zu nennen, die "ad hoc" eine halbwegs eindeutige Begrifflichkeit transportieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass die "Box" dann auch wirklich als "Schachtel" beschrieben wird. Wir haben daher in dieser Aufzählung auch bewusst auf die "Übersetzung" von Barbara Köhler verzichtet, weil diese eben nicht unbedingt den exakten Begriff im Deutschen wiedergibt, sondern teilweise bereits in der Überschrift die semantischen Brüche der Steinschen Begriffe ins Deutsche umdichtet. Dieses Buch ist sicher keine Lektüre für den sommerlichen Nachmittag am Strand oder für die Überbrückung einer längeren Zugfahrt. Eher bietet es sich Liebhabern experimenteller Literatur und natürlich Literatur-Experten als Studienobjekt an. Über jede der Beschreibungen - und seien es nur zwei Zeilen, lässt sich stundenlang spekulieren und sinnieren, und ob man am Ende die Intentionen der Autorin erspürt hat, bleibt dahingestellt. Auf jeden Fall vermittelt dieses Buch einen Eindruck von der Literaturszene in den Zwanziger und Dreißiger Jahren im Paris der wilden Künstler aller Schattierungen. Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41632-4 erschienen und kostet 15,99 Euro. |