| David Grossmann: "Das Gedächtnis der Haut" |
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Zwei Novellen über außergewöhnlich intensive Beziehungen |
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In "Raserei" will Schaul, ein Wissenschaftler in mittleren Jahren, seine Frau während einer ihrer jährlichen "Auszeiten" besuchen. Das ergibt sich jedoch erst im Laufe der Erzählung, denn anfangs geht es nur um eine Autofahrt, die er wegen einer Unfallverletzung nicht selbst antreten kann. Die Schwester seines Sohnes fährt ihn mehr notgedrungen als freiwillig, da Schaul nicht sehr beliebt ist und sie genug zu tun hat. Während der anfangs - zumindest für den Leser - ziellosen Reise beginnt Schaul über einen Kollegen zu reden, dessen Frau ihn angeblich schon seit langem betrügt. Bald wird jedoch klar, dass es sich um Schaul selbst dreht. Mehr und mehr steigert er sich in die Details der außerehelichen Beziehung seiner Frau Elischeva hinein. Er hat alles durchschaut, doch Elischeva ahnt nichts von seinem Wissen. Seit zehn Jahren bereits besucht sie ihren Liebhaber täglich um die selbe Zeit unter dem Vorwand schwimmen zu gehen. Intensiv malt er sich das flüchtige Liebesleben der beiden aus und breitet es vor seiner anfangs unwilligen, dann faszinierten Schwägerin aus. Dabei genießt er in geradezu masochistischer Art sein Wissen und seine Vorstellungen, erkennt in der langjährigen Beziehung die eindeutige Überlegenheit des Rivalen und ordnet sie dessen - vermeintlichen - menschlichen und männlichen Attributen zu. Denn gesehen hat er ihn nur einmal in einer eher unverfänglichen Situation. Doch in seiner eigenen - gefühlten - Minderwertigkeit gesteht er Elischeva geradezu das Recht zu dieser Beziehung zu und überdeckt sein eigenes geradezu kreatürliches Leiden mit aufgesetzter Rationalität. Je mehr er sein Inneres entblößt, desto mehr nimmt er seine Schwägerin gefangen und weckt in ihr eigene Erinnerungen und Sehnsüchte. Auch sie lebte lange Jahre mit einem anderen Mann zusammen, von dem sie sich dann trennte, um mit Schauls Bruder fünf Kinder in die Welt zu setzen. Doch mit Schauls geradezu besessener "Lebensbeichte" steigen all die verschütteten Erinnerungen wieder in ihr auf. Während sie vor sich zunehmend über ihr eigenes Leben und ihre Beziehungen Rechenschaft ablegt und einen schmerzlichen aber reinigenden Prozess durchläuft, steigert sich Schaul immer weiter in seine Erzählungen hinein, bei denen er schließlich das Fehlen jeglichen Beweises für die Untreue seiner Frau als Zeichen ihrer perfekten Planung und Voraussicht deutet. Am Ende, wenn er schließlich in der Dunkelheit der Nacht vor der abgeschiedenen Hütte seiner Frau steht und nicht hineingeht, drängt sich dem Leser der Gedanke auf, dass sie dort wirklich nur allein ist, dass sie Schaul nie untreu war und dass dieser sich die Geschichte einredet, um seinem Unterlegenheitsgefühl gegenüber seiner in seinen Augen perfekten Frau gewachsen zu sein. Zumindest ihre - vermeintliche - Untreu verleiht ihr einen gewissen Makel und sein Wissen ihm Macht. Die Novelle lebt von der Intensität dieses Monologs, der nur punktuell durch die Gedanken der Fahrerin unterbrochen werden, die sich sowohl aus seinen Worten entwickeln als auch sich mit diesen verweben. Diese Fahrt liest sich nahezu als Allegorie der Fahrt mit Charons Nachen über den Styx, wenn die Fahrer ins Jenseits sich ein letztes Mal Rechenschaft ablegen oder bis zuletzt in ihrer Verblendung verharren. Dabei entstehen zwei Psychogramme unterschiedlicher Menschen, von denen einer am Ende seiner Kräfte ist, während der andere aus dieser Rückschau neue Kraft schöpft. In der anderen Novelle, die dem Buch auch den Titel verleiht, geht es um die erotische Beziehung zwischen einer reifen Frau und einem Jugendlichen, ans Licht gebracht von deren Tochter, einer Schriftstellerin. Auf dem Sterbebett erlebt die Mutter noch einmal Höhen und Tiefen dieser so ungewöhnlichen wie intensiven Beziehung, und die Tochter leidet noch einmal darunter, dass all die Liebe ihrer Mutter auf ihre Kosten dem Jungen galt. Doch auch hier bleibt am Schluss die Frage, ob es hier um echtes Leiden der Tochter und Schuld der Mutter geht oder vielleicht viel mehr um ein Zerrbild der Realität, dass sich die Tochter gebaut hat. Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-20529-2 erschienen und kostet 21,50 Euro. Frank Raudszus |