| Doron Rabinovici: "Ohnehin" |
| |
Vertreibung und Asyl als Lebensform |
|
Doron Rabonovici, selbst in Wien ansässig, siedelt seine Handlung um diesen Naschmarkt herum an. Seine Protagonisten treffen sich immer wieder hier, schließen neue Kontatke und knüpfen oder beenden Beziehungen hier. Mit Beziehungen meint der Autor jedoch nicht nur die üblichen - heterosexuellen - erotischen Verbandelungen, sondern alle Arten von menschlichen Beziehungen: zwischen Alten und Jungen, zwischen Christen und Muslims, Griechen und Türken, Serben und Kosovo-Albanern und letztlich auch zwischen Tätern und Opfern. Das Gemisch, oder besser gesagt: die "Melange" dieser Figuren, und ihre vielfältigen Reibungsflächen, stehen im Mittelpunkt des Romans. Die eigentliche Handlung ist zweitrangig und bietet dem Leser auch nicht die von einem üblichen Roman gewohnte Zuspitzung und Lösung von Konflikten. Hier bleibt am Ende alles offen, das heißt, es geht weiter oder beginnt wieder von vorne. "Held"
des
Romans ist der junge Neurologe Sandtner, der sich mit Therapien
gegen Gedächtnisverlust beschäftigt und sich gerade von
seiner Freundin und Kollegin an der Klinik getrennt hat. Auf dem
Naschmarkt lernt er im Kreis seiner Bekannten eine
südländische Frau kennen, die aus dem Kosovo stammt und sich
als Video-Künstlerin gegen Rassismus und Fremdenhass
betätigt. Während sich die Beziehung vertieft, wird Sandtner
in die familiären Problem ehemaliger Nachbarskinder hineingezogen,
deren Vater, ein ehemaliger SS-Offizier, unter rapidem
Gedächtnisverlust leidet und im Jahr 1945 stehen geblieben ist.
Sandtners Therapie soll ihn wieder in die Gegenwart holen, und seine
Kinder wollen endlich die Wahrheit über seine Vergangenheit
wissen. Der alte Guttmann, ein den Gräueln der Nazizeit
glücklich entkommener Jude, hat sich nach dem Kriege gegen alle
Ratschläge am Naschmarkt niedergelassen und einen erfolgreichen
Lebensmittelversand aufgezogen, lebt aber trotz geistiger Gesundheit
zunehmend in der Vergangenheit. Dann ist da noch der russische Exiljude
mit seiner ausgeprägten Heimatlosigkeit, der Farbige Patrique aus
Kinshasa, dessen Vater nach einem der vielen Umstürze in seiner
Heimat in Österreich geblieben ist und aus Patrique einen
schwarzen Österreicher hat werden lassen, und der serbische
Kameramann Goran, der als Illegaler in steter Furcht vor der
Abschiebung lebt. In
dieser Atmosphäre halbherziger oder vergangenheitsgesättigter
Beziehungen versucht Sandtner ein neues Leben mit Flora aus Albanien zu
beginnen. Doch die herrschenden Gesetze, seine Nachlässigkeit und
der Zufall stehen einer stabilen Beziehung im Wege. Am Ende ist
Sandtner um eine Enttäuschung reicher, sein Gewissen um eine Last
schwerer, und seine berufliche Zukunft um
einiges unsicherer. Intrigen und kalkulierte erotische Beziehungen
spielen dabei ebenso eine Rolle wie persönliche Richtungslosigkeit
und Lebensunsicherheit. Als Symbol dieser Lebenshaltung lässt der
Autor seinen Helden zu jeder Verabredung zu spät kommen, frei nach
dem bekannten Spruch: "Wer zu spät kommt....". Dieses
Zuspätkommen bezeichnet im weitesten
Sinne die Mentalität und Lebenseinstellung aller Protagonisten und
führt zwangsläufig zu Enttäuschungen und
auseinanderbrechenden Beziehungen. Rabonovici hat mit diesem Roman ein sehr dichtes Bild der Großstadtgeneration zwischen dreißig und vierzig entworfen, umrahmt von den Schatten werfenden Figuren der älteren Generation. Wenn er einen ehemaligen SS-Offizier einführt, dann geht es ihm nicht um eine weitere Aufarbeitung der - in diesem Falle - österreichischen - Nazi-Vergangenheit, sondern eher um die Reaktion der Täterkinder und ihrer Generationsgenossen; und ebenso, wie im Roman die nie entschlüsselten Verbrechen des alten SS-Mannes als Menetekel an einer unsichtbaren Wand schweben, brandmarkt der Autor auch die aus dem schlechten Gewissen geborene und aufgesetzte Sympathie mit den Juden (und damit allen Ausgegrenzten), so wenn eine Ärztin den neuen Kollegen begeistert in seiner Eigenschaft als Juden begrüßt. Rabinovici kreiert eine an Melancholie grenzende Atmosphäre, wie wir sie aus den alten "KuK"-Romanen des fin de siècle kennen, ohne deshalb in die Extreme des Dandyismus oder der Schwermut zu verfallen. Seinen Figuren haftet immer ein gewisser Humor und eine erstaunliche Portion Lebensmut an. Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41604-9 erschienen und kostet 18,90 Euro. Frank Raudszus |