Guillermo Martínez: "Die Pythagoras-Morde

Mord mit mathematischer Methode
 

 

Der Durchschnittsmensch verbindet den Namen "Pythagoras" mit der Summe der Quadrate über den Katheten; wenn er literarischen Neigungen nachgeht, eher mit einem gewissen Schaudern. Dass Mathematik und vor allem der Entdecker und Namensgeber verschiedener mathematischer Eigenschaften auch im kriminellen und kriminalen Umfeld eine Rolle spielen können, scheint daher beim ersten Augenschein etwas ungewöhnlich.

So denkt wohl auch der junge Mathematiker aus Buenos Aires, der zwecks Fortsetzung seiner Studien bei einem führenden Mathematiker nach Oxford kommt und dort bei einer alten Dame ein Souterrain-Zimmer bezieht. Bereits kurz nach der Ankunft trifft er vor dem Haus seiner Wirtin den bewunderten Mathematik-Professor Seldom und entdeckt gemeinsam mit dem beunruhigten "Partner" die Leiche der alten Dame. die offensichtlich erstickt wurde. Natürlich fällt der erste Verdacht des Inspektors auf die im Hause wohnende Enkelin, die nach dem Unfalltod ihrer Eltern dort aufgewachsen ist. Doch Seldom hat eine seltsame Ankündigung des Verbrechens mit dem Hinweis auf den Beginn einer Serie und mit einem seltsamen Symbol erhalten. Daher vermuten die beiden Mathematiker schnell einen mathematische geschulten Geist, der hier eine makabren Wettkampf mit der mathematischen Zunft in Szene setzt. Der zweite und dritte Mord lassen nicht lange auf sich warten und erlauben über die sich ändernden Zeichen auch eine Interpretation der Reihenstruktur. Verzweifelt suchen die beiden in Zusammenarbeit mit dem Polizei-Inspektor, der von der mathematischen Seite dieser Morde fasziniert ist und sich entsprechend weiterbildet, nach einer Korrelation zwischen den mathematischen Reihengliedern und den Mordopfern, um eine Vorhersage treffen zu können und damit weitere Morde zu verhindern oder gar den Täter zu identifizieren. Allen drei Fällen ist dabei gemeinsam, dass es sich um Opfer handelte, die sich sozusagen bereits überlebt hatten, das heißt, die kurz vor einem natürlichen Exitus standen.

Während der Inspektor und die beiden Hobby-Detektive im Verein mit der frisch gewonnenen Freundin des jungen Argentiniers noch nach diesen Mustern suchen, geschieht ein schreckliches Busunglück, bei dem eine Reihe von behinderten Kindern sterben. Plötzlich fügen sich einige Puzzlesteine zu einem erkennbaren Bild zusammen, und der Täter erscheint im Visier seiner Jäger. Doch als der Leser bereits das Buch zuklappen will und sich die letzten Seiten - ist eh nur ein Epilog, denkt er - sparen will, kippt das neu gewonnene Bild plötzlich, und die Wahrheit schält sich aus der Camouflage heraus. Diese wollen wir jedoch hier nicht verraten, um potentiellen Lesern nicht die Spannung zu rauben. Schließlich handelt es sich um einen Kriminalroman, und dessen Auflösung gibt man nicht im Internet zum besten.

Guillermo Martínez hat mit diesem Buch einen temporeichen und flüssigen Kriminalroman verfasst, der ein - vermeintlich - so trockenes Fach wie die Mathematik auf anschauliche Weise mit dem Ambiente des Verbrechens verbindet. Dabei gerät die Mathematik jedoch nicht in schlechte Gesellschaft und schon gar nicht in den Ruf, Morde methodisch möglich zu machen. Wer Sinn für Zahlenspiele hat, kann auch an Hand des Textes kleinere Übungen zur Erkennung von Reihenmustern absolvieren. Verraten werden die Lösungen zwar explizit nicht, aber es gibt einen ganz dicken Hinweis auf die Lösung. Wer hinschaut, findet sie sicherlich!

Das Buch ist im Eichborn-Verlag unter der ISBN 3-8218-0950-7 erschienen und kostet 17,90 Euro.

Frank Raudszus