| Samuel P. Huntington: "Who Are We" |
|
|
Die Krise der amerikanischen Identität |
|
Nun ist Huntington erneut mit einem Buch zu einem brisanten herausgekommen, an dem sich die Geister ebenfalls scheiden werden und das ihm bereits erneut den Vorwurf des Konservatismus eingebracht hat. Dabei geht es ihm um den Begriff der "amerikanischen Identität", wobei er natürlich die gefühlte Identität der US-Bürger meint. Im Zeichen eines politisch korrekten Multikulturarismus' weckt die Frage nach einer eigenen "Identität" der US-Amerikaner für die intellektuelle Führungselite des Landes laut Huntington als verdächtig, nahezu rassistisch. Huntington registriert diese "Identitätsschwäche" der Eliten nüchtern und ohne Ressentiment, sondern lediglich im Hinblick auf die praktischen Konsequenzen. Dennoch bildet sie den Kern der ersten kritischen Kommentaren zu diesem Buch. Huntington beschreibt die Integrationsfähigkeit der USA unter dem Leitbild des "amerikanischen Credos" - individuelle Freiheit, protestantisches Arbeitsethos und demokratische Regierungsform -, die es geschafft hat, Immigranten aus aller Welt innerhalb von zwei Generationen zu englisch sprechenden und amerikanisch denkenden Mitbürgern zu machen. Doch mit der großen - legalen und illegalen - Einwanderung aus Mexiko ändern sich die Strukturen dramatisch in Richtung eines zweigeteilten Landes, dessen eine Hälfte dem englischsprachigen Protestantismus und die andere einem spanischsprachigen Katholizismus anhängt. Tempo und Struktur dieser Immigration scheinen eine Integration auch langfristig unmöglich zu machen. Huntington untersucht die Einwanderungspolitik und die Einstellung der Führungseliten gegenüber ethnischen Minderheiten einerseits und der eigenen Nationalidentität andererseits und ortet einen zunehmenden Verlust dieser Identität, die zwangsläufig in der Besetzung des entstehenden Vakuums durch partikularistische Identitäten münden wird und sowohl Selbstverständnis wie auch mittelfristig die Machtbasis der USA gravierend verändern wird. Diese Entwicklung wird nicht nur durch starken Druck der bereits im Lande lebenden Immigranten - vor allem der Mexikaner - vorangetrieben, sondern darüber hinaus auch von den jeweiligen Regierungen, die intensive Lobbyarbeit für ihre in die USA emigrierten Landsleute und deren soziales Wohl leisten, wobei die mexikanische Regierung sogar offiziell die Linie vertritt, soziale ´Probleme (in die USA) zu exportieren. Huntington belegt seine Analysen und Schlussfolgerungen mit umfangreichem Zahlenmaterial, was die Lektüre zwar bisweilen mühsam werden lässt, für die Glaubwürdigkeit jedoch unerlässlich ist. Schließlich ist dieses Buch kein politisches Pamphlete gegen Immigranten sondern eine seriöse Untersuchung der Folgen globaler Wanderungswellen und der jeweiligen politischen Reaktionen, in diesem Fall der USA. Huntington wird mit Sicherheit noch erhebliche Kritik aus der Ecke der "political correctness" einstecken müssen, zumal die mexikanischen Einwanderer bereits ein ernst zu nehmendes Wählerpotential darstellt. Dabei wird die von ihm diagnostizierte wertkonservative und identitätsorientierte Einstellung der breiten Öffentlichkeit ihm nicht viel helfen, da sich seine Leserschaft kaum aus diesen Kreisen rekrutieren wird. Das Buch ist im Europa-Verlag unter der ISBN 3-203-78060-7 erschienen und kostet 29,90 Euro. Frank Raudszus |