Noam Chomsky: "Neue Weltordnungen"

Eine eigenwillige Interpretation der der weltpolitischen Entwicklungen
 

Noam Chomsky ist das "enfant terrible" der amerikanischen Intellektuellen-Szene, vor allem in Zeiten von Bush sr. und Bush jr. Als bekennender Linkssozialist verstößt er gegen alle - ungeschriebenen - Gesetze der "political correctness". Ein Land, das in den 50er Jahren die Kommunisten mit an Paranoia grenzender Intensität bekämpfte, das noch heute keine kommunistische Partei kennt und dessen beiden großen Parteien sich im europäischen Verständnis von der Mitte bis zum rechten Rand des politischen Spektrums bewegen, wirkt ein engagierter Sozialist wie ein schwarzes Schaf. Und so polarisiert der MIT-Professor für Linguistik und Philosophie auch das Publikum: von begeisterten Zustimmung einer kleinen Gruppe über die bewusste Ignoranz weiter Kreise bis zur Verteufelung durch das rechte Lager.

In seinem 1994 erschienen Buch "World Orders Old and New" gibt er einen Überblick über die weltpolitischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts, speziell aus der Sicht der USA, sowie deren Hintergründe und Motivationen aus seiner Sicht. In der Übersetzung von Michael Haupt ist dieses Buch jetzt auch unter dem deutschen Titel "Neue Weltordnungen" erschienen.

Vorweg ist zu sagen, dass die Ausführungen angesichts der zunehmend schnelllebigen Welt jetzt, nach zehn Jahren, teilweise bereits überholt oder gar widerlegt sind. Andere Entwicklungen - die restaurative Ära "Bush jr." und der Irak-Krieg - dürften auf der anderen Seite tonnenweise Wasser auf Chomskys ideologische Mühlenräder leiten. Denn ideologisch muss man seine Ausführungen bei allen vordergründigen Versuchen einer wissenschaftlichen Analyse nennen.

Chomsky gliedert seine Ausführungen in zwei Teile: "Der Kalte Krieg" und "Die Weltwirtschaftspolitik". Den Kalten Krieg sieht er nicht in erster Linie als Abwehrkampf des freien Westens in Gestalt der USA gegen einen expansiven Sowjet-Imperialismus, sondern als die Verteidigung der privatwirtschaftlichen Eliten - vornehmlich in den USA - gegen revolutionäre Ideen und Erhebungen, die schließlich die Privilegien der Oberschicht hinwegfegen könnten. In diesem Zusammenhang vergleicht er die Domestizierung der amerikanischen Einflusssphäre - Mittel- und Südamerika - durch die US-Politik mit der Unterdrückung der Ostblockstaaten durch die UdSSR. Dabei attestiert er der UdSSR "nur" politische, jedoch keine wirtschaftliche Ausbeutung, während die USA die anderen amerikanischen Völker unter dem Vorwand der Demokratisierung rücksichtslos ausgebeutet hätten und auch vor Mord und Besetzung nicht zurückgeschreckt seien. Dies mag zwar in vielen Fällen auch der Fall gewesen sein - siehe den Sturz von Chiles Allende -, aber während er kurzfristige oder fast unbedeutende Aktionen wie Grenada und Panama (Noriega) bemüht und den Konflikt mit den nicaraguanischen Sandinisten detailliert ausbreitet, erscheinen Ereignisse wie DDR/1953, Ungarn/1956, Tschechei 1968/1986 und Afghanistan/1986 entweder gar nicht oder nur sehr peripher. Wie üblich bei intelligenten Ideologen werden Sachverhalte, die nicht ins eigene Bild passen, nicht etwa lautstark bestritten sondern erst gar nicht erwähnt; in einem Buch umso einfacher zu realisieren, da niemand unmittelbar widersprechen kann. Überhaupt erscheint die Reduzierung der amerikanischen Motivation für ihre weltpolitischen Aktivitäten auf die Erhaltung der Privilegien einer Wirtschaftselite zu einfach. Dazu sind die Verhältnisse denn doch zu komplex. Allein der demokratische und religiöse Missionsdrang der USA, selbst durchaus ein diskussionswürdiger Punkt, dürfte eine wesentlich größere Rolle gespielt haben als Chomsky ihm zugesteht. Den Marshallplan für die zerstörten europäischen Länder - besonders das geschlagene Deutschland - lediglich als kalten Kalkül zwecks Vorbereitung neuer Abnehmermärkte zu interpretieren, erinnert  an Verschwörungstheorien und grenzt an nackten Zynismus. Doch auch wenn man ihm einen gewissen Zynismus - oder besser Sarkasmus - zugesteht, müssen doch die Theorien in sich stimmig sein. Warum sollte dann ein Land wie die USA ein Riesenarsenal von "Overkill"-Nuklearwaffen aufbauen, wenn der Hauptbeweggrund NICHT in der Bekämpfung - sei es nun "heiß" oder "kalt" eines wohl definierten weltpolitischen Gegners sondern in der Eroberung von Abnehmermärkten läge. Weiterhin entbehrt die Behauptung, die UdSSR habe nie explizit die weltweite Expansion des Sozialismus ihres Verständnisses geplant, jeglicher Plausibilität, da dies (a) noch zu Stalins Zeiten immer wieder auch zu den verbal geäußerten Zielen der UdSSR gehörte und (b) die permanente Kampfbereitschaft einer die westlichen Streitkräfte in Westeuropa um das Zehnfache übersteigenden Armee in den Ländern des Warschauer Paktes dem klar widerspricht. Mag Stalin auch nicht kurzfristig einen Dritten Weltkrieg geplant haben, so hat er doch auf eine Gelegenheit gelauert und gehofft, dass sich die USA vorzeitig aus Europa in eine "splendid isolation" zurückziehen und ihm das militärische Feld überlassen würden.

Ähnlich einseitig argumentiert Chomsky auch im zweiten Teil, wobei ihm zugegebenermaßen der Turbo-Kapitalismus amerikanischer Prägung eine Steilvorlage liefert. Nicht die Kritik an den vorhandenen Auswüchsen des US-Kapitalismus stört hier, sondern die generelle Absage an die Privatwirtschaft, die allein schon für Chomsky der Grund allen Übels ist. Zwar streift er auch den "Staatskapitalismus" sowjetischer Prägung (vor 1989) mit beiläufiger Verachtung, zwischen den Zeilen fordert er aber immer wieder den Eingriff des Staates in die Wirtschaft, Zurückdrehen aller Privatisierungen sowie eine wesentlich stärkere Umverteilung der Unternehmensgewinne. Letztere sind für ihn natürlich exorbitant - und unmoralisch - hoch. Firmen mit mehr oder minder hohen Verlusten kommen in seiner Privatwirtschaft genauso wenig vor wie große Bankrotte. Die Globalisierung gerät bei Chomsky zum schmutzigen Trick, um die lokalen Arbeiter auszubeuten und zu unterdrücken, Konkurrenz durch kompetente aber billigere Mitbewerber aus anderen Ländern kommt als "Faktum" für ihn nicht in Betracht. Würde er diese explizit eingestehen, müsste er auch Gegenmaßnahmen der lokalen Industrie akzeptieren.

So steigert sich der Autor besonders im zweiten Teil in eine allgemeine Kapitalismus-Phobie hinein, die einhergeht mit der Beschwörung eines nebulösen weil nicht explizit definierten Sozialismus, und das, nachdem der "real existierende" auf so schmähliche Weise an seinen eigenen Unzulänglichkeiten zugrunde gegangen ist.

Das Buch ist im Europa-Verlag unter der ISBN 3-203-76009-6 erschienen und kostet 17,90 €.

Frank Raudszus