| Peter Nichols: "Darwins Kapitän" |
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Ein Buch über "Zufall und Notwendigkeit" des Ruhms |
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Charles Darwin war von Hause ein begüterter junger Mann mit guten gesellschaftlichen Aussichten, aber keiner überragenden wissenschaftlichen Karriere vor Augen, da seine Interesse eher in der Jagd und anderen Freizeitvergnügen lagen. Während er noch seinen Hobbys nachging, führte einige kleine Schiffe der "Royal Navy" am südlichen Ende des amerikanischen Kontinents - bei Feuerland und "Kap Hoorn" - beschwerliche Vermessungsarbeiten durch, die für die britische Admiralität wegen einer sicheren Verbindung in den Pazifik von strategischem Interesse waren. Kapitän der "Beagle", eines nur 200 Tonnen und 27 Meter langen Zweimasters, war Robert Fitzroy, ein noch junger, hoch begabter und wissenschaftlich gebildeter Adliger, dem alle Karrierewege offen zu stehen schienen. Als die Marine ihn zu einer zweiten, umfangreicheren Reise nach Südamerika und in den Pazifik schickte, wollten sie ihm einen Wissenschaftler an die Seite stellen, der die geologischen Besonderheiten sowie Fauna und Flora der besuchten Regionen untersuchen sollte. Darwin fiel diese Rolle eher zufällig zu, war er doch anfangs nicht gerade begeistert, da er sich eigentlich auf den Beruf eines Theologen vorbereiten wollte (oder sollte). Doch eines schönen Tages stand der Zweiundzwanzigjährige an der Pier vor dem kleinen Schiff und setzte seine Füße zum ersten Male auf die schwankenden Bretter, um auch gleich seekrank zu werden. Dieses "Leiden" blieb ihm in den schweren Stürmen des Südatlantiks treu, dennoch stand er die über vierjährige Reise bis zum Schluss durch. Diese einleitenden Worten scheinen eher auf ein Buch über Darwin denn über seinen Kapitän hinzuweisen, und das trifft auch zu. Zwar stellt der Autor anfangs Robert Fitzroy in den Mittelpunkt seiner Schilderungen, doch mit der Ausfahrt der "Beagle" zur großen Fahrt verlagert sich der Schwerpunkt auf Darwin, auch wenn von Fitzroy die Rede ist. Fitzroy hatte bei allen unwidersprochenen Talenten zwei Schwächen: ein wankelmütiges Temperament mit cholerischen Anfällen und Depressionen sowie eine sklavisch am Wortlaut der Bibel orientierte konservativ-christliche Grundhaltung. Ersteres brachte ihm im Verkehr mit seinen Mitmenschen immer wieder Probleme ein, letzteres verhinderte die im Ansatz vorhandene Möglichkeit zum Nachruhm. Nichols schildert diesen Kapitän in all seinen Facetten: als kompetenten Seemann, der sein Schiff auch aus schwierigsten Situationen in den höllischen Gewässern um Kap Hoorn steuerte, als strengen aber gerechten Kapitän, als nahezu besessenen Missionar der englischen Lebensart, der sogar einige Feuerländer "Aborigines" nach England mitnahm und sie dort in der englischen Lebensart ausbilden ließ, aber auch als naiven Romantiker, der den Worten der Bibel zu buchstabengetreu folgte. Da Darwin historisch erst sein Partner und dann sein Schicksal wurde, muss sich Nichols immer wieder auf diesen beziehen, Fitzroy nur wie einen um die Sonne kreisenden Planeten beschreiben; einen Planeten, der die Sonne noch nicht als solche betrachtet aber mit fortschreitender Zeit seine fatale Abhängigkeit von ihm erkennen muss. Der erste Teil des Buches bezieht sich auf die Reise und liest sich ausgesprochen spannend, wobei der Leser sehr viel über Feuerland sowie die seefahrerischen Eigenarten und Probleme dieser abgeschiedenen Weltgegend erfährt. Der zweite Teil - wobei diese grobe Einteilung nicht der Strukturierung des Buches entspricht - beschäftigt sich im Wesentlichen mit den Nachwirkungen der Reise, sowohl die auf das private und berufliche Leben der beiden Protagonisten wie auf die wissenschaftlichen. Da Fitzroys Karriere nach der Rückkehr wechselvoll und eher stetig absteigend verlief, verliert sich das Buch hier in Lebensdetails, die zwar für das Verständnis des Robert Fitzroy hilfreich sind, dem Spannungsbogen des Buchs jedoch nicht gut bekommen. Da auch Darwin erst lange nach der Reise seine Theorie der Evolution entwickelte, quält sich die Schilderung durch den Dunstkreis der englischen Wirtschafts- und Wissenschaftsszene, ohne dass sich größere Entwicklungen ergeben. Liest man das Buch als reines Sachbuch, dann haben auch diese Phasen ihre Berechtigung und runden das Bild von Darwin und seinem Kapitän ab, doch auch hier steht Darwin wieder zwangsläufig im Mittelpunkt, da sein Leben stetig noch oben weist, während Fitzroys kein klares Muster mehr aufweist. Letztlich zerbricht Fitzroy an Darwin, ohne dass dieser im eigentlichen Sinn schuldig sind. In diesen beiden Männern stoßen zwei inkompatible Welten aufeinander: die alte der Bibel und die neue der - agnostischen - Wissenschaft. Wer die neue leugnet, muss letztlich verlieren, selbst wenn er mit abenteuerlicher Logik beide Welten miteinander vereinen will. Dieses Schicksal hat Robert Fitzroy schließlich ereilt, und Peter Nichols hat sein verunglücktes Leben aus der Vergessenheit zurückgeholt. Das Buch ist im Europa-Verlag unter der ISBN 3-203-80526-X erschienen und kostet 23,60 €. Frank Raudszus |