Jürgen Brater: "Generation Käfer"

Blick zurück ohne Zorn
 

Vor einiger Zeit beschrieb das Buch "Generation Golf" das Lebensgefühl der Generation um die Dreißig, wobei der Name des meist gefahrenen Autos als zeit(geist)liche und materielle Einordnung dieser Altersklasse diente. Jürgen Brater, Jahrgang 1948, hat jetzt mit dem vorliegenden Buch eine Antwort aus der Sicht der älteren Generation gegeben, die noch die Nachkriegszeit selbst erlebt hat.

Man darf dieses Buch nicht mit einem literarischen oder gar zeitgeschichtlichen Anspruch belegen. Dazu wirkt es über weite Strecken doch etwas zu bieder oder pauschal, so wenn der Autor zeitgeschichtliche Ereignisse und Entwicklungen mit einer gewissen Altherren-Jovialität und einem Hang zu Allgemeinplätzen abhandelt. Auch wenn diese Mentalität nicht den Eindruck eines ideologischen Hintergrundes verbreitet, lässt sie sich angesichts des raschen Durchgangs durch die Jahrzehnte kaum vermeiden. Doch liest man dieses Buch wie den autobiographischen Bericht eines reiferen Menschen an seine eigenen Enkel, so stellt sich zunehmend ein wohliges Schmunzeln ein. Dies gilt vor allem für Leser der betroffenen Generation, finden sie doch auf Schritt und Tritt eigene Erlebnisse aus den fünfziger und sechziger Jahren wieder und erleben dabei eine Art "déja vu". Da sind zum Beispiel die "Tante-Emma-Läden", damals noch - politisch inkorrekt -  in Frakturschrift deutlich als "Kolonialwarenläden" markiert, die gleichzeitig als Kommunikationszentrum des Viertels und "Kreditbank" der Kunden diente. Da sind die Kohleöfen und das "Klo auf der Treppe", der wöchentliche Waschtag mit manuellem Einsatz in der Waschküche, die Autos mit Weißwandreifen aber ohne Sicherheitsgurte, die schlichte Kleidung - keine "Markenklamotten" - von Eltern und Kindern, die ungeliebten weil billigen und immergleichen Mahlzeiten, aber auch die herrliche Freiheit der noch nicht vom Termindruck gehetzten Kinderzeit. Da erleben wir die restaurierte Adenauer-Republik mit der tausendjährigen Verdrängung, die Prüderie mit ihrer Unterdrückung jeglicher sexueller Themen und die beispiellose Arroganz des rasch wieder genesenen deutschen "Herrenvolkes" gegenüber der "Negerkultur" der ungebildeten Amerikaner.......

Vieles kann man heute nur noch belächeln, manches einfach nicht mehr glauben, doch übrig bleibt auch eine Ursprünglichkeit, vor allem bei der Jugend, die wir heute vermissen. Jürgen Brater zeigt all diese Erscheinungen auf, bisweilen mit wohlfeilen Kommentaren versehen, aber im Großen und Ganzen mit einem kritischen Respekt gegenüber der damaligen Elterngeneration und einer humorvollen Selbstironie seiner eigenen Generation gegenüber. Wie gesagt, für Angehörige dieser Generation bietet dieses Buch viele nostalgische Elemente, jungen Menschen ermöglicht es vielleicht ein besseres Verständnis ihrer Eltern und Großeltern.

Das Buch ist im Eichborn-Verlag unter der ISBN 3-8218-5607-6 erschienen und kostet 17,90 €.

Frank Raudszus