Alessandro Baricco: "Sterben vor Lachen"

Philosophische Essays über Mozart, Rossinis u.a. unter irreführendem Titel
   

Wer von diesem Band aus italienischer Feder auf Grund des Titels humorvoll-satirische Glossen zur Musik und Philosophie à la Henscheid erwartet hat, sieht sich bei der Lektüre eines Anderen belehrt. Baricco ist studierter Philosoph und beschäftigt sich neben seinen literarischen Arbeiten den geistigen Strömungen der Zeit. In seinen Essays greift er unterschiedliche Themen auf und kommentiert die Aussagen und Konzepte maßgeblicher Vertreter der neueren Philosophieschulen. Da sich der Rezensent nicht anmaßt, die anspruchsvollen Kommentaren zu verschiedenen philosophischen Themen noch einmal zu kommentieren, seien die einzelnen Essays hier nur kurz angerissen.

In der "Titelaufsatz" beschäftigt sich Baricco mit der Opera buffa sowie ihren maßgeblichen Vertretern Mozart und Rossini. Als auflockerndes "Intermezzo" zur "Opera seria", die sich ernsthaft mit Mythen und Helden auseinandersetzt, bringt sie handfeste, der Wirklichkeit zugewandte Figuren auf die Bühne und verzichtet auf jeglichen Verweis auf das "Jenseitige". Nachdem sie sich jedoch als eigene Kunstgattung von der Opera seria "befreit" hatte, entwickelten sich ihre Figuren aus vordergründigen Archetypen zu komplexen Personen, die selber wieder den Kreis der Opera buffa sprengen. Baricco verdeutlicht dieses an den Beispielen Cherubim ("Figaros Hochzeit") und Don Giovanni und sieht schließlich die gesteigerte "Objektivität" der Figuren als kalten Kalkül in Mozarts "Cosi fan tutte" verwirklicht. Wo Mozart jedoch noch Zugeständnisse an den Geist der zeit macht und zum Beispiel die Musik der Sprache folgen lässt und ihr damit einen zu dieser sekundären oder unterstützenden Charakter zuweist, gibt Rossini diese enge Bindung auf und lässt die Musik anstelle der Sprache sprechen, verdeutlicht durch die endlosen Koloraturen über einzelne Worte. Damit übernimmt die Musik eigenständig die Aufgabe, den Gehalt der Handlung auch ohne die gesprochene Sprache auszudrücken.

Soweit in Kurzform seine Ausführungen zur Musik, speziell der Oper. In seinem Aufsatz über Walter Benjamin diskutiert er den Begriff der "philosophischen Form" und bezieht sich dabei im Wesentlichen auf Benjamins "Ursprung des deutschen Trauerspiels". Dabei geht es ihm immer wieder um das Verhältnis zwischen Philosophie und Sprache, er zitiert Wittgensteins "Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen" sowie Adornos "Ästhetische Theorie" und lässt sich über den Zusammenhang von Ideen, Erinnerung und Darstellung aus.

In seinem letzten Aufsatz schließlich, "Schrift, Gedächtnis, Interpretation" betitelt, geht er auf Theodor W. Adornos "Negative Dialektik" sowie - noch einmal - seine "Ästhetische Theorie" ein und formuliert ein Prinzip, demzufolge Kunst den Raum des Möglichen ausdeutet, jedoch der falschen Wirklichkeit keine positive Wahrheit entgegensetzen könne. Die (Ahnung der) Wahrheit liegt laut Adorno und Baricco als Möglichkeit in der Negierung des Falschen. Interessenten sei vor allem dieser Essay empfohlen, der jedoch sowohl einige Erfahrung bei der Lektüre philosophischer Texte als auch viel Konzentration erfordert.

Das Buch ist in der Edition Akzente Hanser unter der ISBN 3-446-20580-2 erschienen und kostet 14,90 €.

Frank Raudszus