Horst Afheldt: "Wirtschaft die arm macht"

Vom Sozialstaat zur gespaltenen Gesellschaft
   

Die Verlagerung von Arbeitsplätzen in "Billiglohnländer", der Anstieg der Arbeitslosigkeit und der damit einhergehende Rückgang der Steuereinnahmen führen zu prekären Finanzproblemen bei Staat und Bürgern. Diese Tendenzen spüren alle "alten" Industriestaaten seit Jahren. Die Heilmittel dagegen lauteten bisher Flexibilisierung der Arbeit(szeiten), Absenken von Lohneinkommen und sozialen Standard sowie höhere Anforderungen an die Leistungsbereitschaft der Bürger. Letztere Forderung richtete sich - scheinbar - nur an die klassischen Arbeitnehmer, während die Selbständigen davon verschont zu sein schienen. International gilt spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges ein forcierter Wirtschaftsliberalismus als die Wunderwaffe gegen Armut und Ungleichheit, mit dem Argument, der Protektionismus würde die wirtschaftliche Entfaltung sowohl der etablierten wie der nachwachsenden Volkswirtschaften und damit letztlich die Verbreitung des Wohlstands behindern.

Soweit die "offizielle" Lesart der Industriestaaten und ihrer institutionellen Vertreter wie WTO (World Trade Organisation) und Weltbank. Die internationale "APO" (Außerparlamentarische Opposition) in Gestalt von ATTAC protestiert gegen diese Ideologie bereits seit einiger Zeit und hat in einzelnen Ländern auch engagierte Fürsprecher gefunden, unter anderem einen Mann napoleonischen Zuschnitts aus dem kleinen Saarland. Gerade dieser jedoch hat durch holzschnittartige - weil populistisch-eingängige - Theorien die Kritik an den Folgen eines schrankenlosen Liberalismus eher ins Gerede gebracht als sie hoffähig zu machen. Selbst seine ehemaligen (Weg-)Genossen folgen heute eher den Gurus der Globalisierung.

Horst Afheldt hat sich jetzt dieses Themas ohne Partei- oder Ideologiebrille angenommen, und kommt bei seinen Überlegungen zu einigen überraschenden und doch einleuchtenden Resultaten. So entlarvt er die Hoffnung und das Hinarbeiten auf gleich bleibende oder möglichst (wieder) steigende Wachstumsraten - besonders in Deutschland - mit einer ganz simplen logischen Tatsache: da das Wachstum immer in Prozent zum Vorjahr gemessen wird, würde eine gleich bleibende Rate ein exponentielles absolutes Wachstum erfordern, was im nationalen Rahmen schon aus demographischen Gründen und international aus ökologischen und ökonomischen Gründen unmöglich (und unsinnig) wäre. Jeder Naturwissenschaftler weiß überdies, dass alle natürlichen Vorgänge - und die Weltwirtschaft stellt auch einen dar - immer in exponentiell asymptotischen Kurven [f(x)=1- exp(-x)] ablaufen. Zu Beginn, von einem niedrigen Niveau, wachsen sie sehr schnell, dann immer langsamer. Soviel nur zu dem Fetisch "gleich bleibendes Wachstum".

Darüber hinaus jedoch greift Afheldt die "Abwärtsspirale" der weltweiten Arbeitskosten auf und an, die durch einen unbegrenzten Liberalismus geradezu angeheizt wird. Im Wettrennen um ausländische Investoren bemüht sich jede Region, die günstigsten Bedingungen zu schaffen, und das zu Lasten der eigenen Arbeitnehmer und der Staatshaushalte. Ergebnis ist laut Afheldt, und da kann man ihm nicht widersprechen, eine allgemeine Verarmung, abnehmende Kaufkraft, dadurch zusammenbrechende Firmen und weitere Arbeitslosigkeit, fehlende Steuereinnahmen und Verarmung.

Einen grundsätzlichen Webfehler der Wirtschaft - vor allem der deutschen - sieht Afheldt darin, dass alle Soziallasten aus den Abgaben der abhängig Beschäftigten getragen werden, die ihre Arbeitskraft nicht weltweit an den Meistbietenden verkaufen können. Kapitaleinkünfte bleiben dagegen von den Sozialabgaben verschont, um das "flüchtige Reh" Kapital nicht zu verscheuchen. Afheldt sieht all diese Probleme sehr klar und verzichtet dabei in wohltuender Weise auf jegliche ideologische Polemik, die Schuld und Ursachen dieser Entwicklung gerne dem jeweiligen politischen Gegner zuweist. Er sieht glasklar die Gefahren von Maßnahmen, wie sie Lafontaine in populistischer Manier vorträgt, und kann sich auch nicht mit staatlichen Kaufkraftaktionen durch Pump anfreunden. Er versucht tatsächlich, die Entwicklung der Weltwirtschaft während der letzten fünfzig Jahre als historischen Prozess darzustellen, dessen Paradigmen lange Zeit mit den Randbedingungen übereinstimmten und von der Entwicklung bestätigt wurden, die nun aber, unter geänderten Bedingungen, nicht mehr greifen.

Afheldt ist auch so ehrlich zuzugeben, dass es keinen "Königsweg" aus dieser Falle gibt. Zwar sieht er die Verteilung der sozialen Lasten auf alle Einkünfte als richtigen und notwendigen Schritt, erkennt aber auch sofort die Gefahr der Kapitalflucht. Schutzzölle zur Eindämmung des internationalen "Lohndumpings" hätte er gerne, gibt jedoch zu, dass dann die eigenen Produkte im Weltmarkt schlechter zu verkaufen wären, was wiederum zu Einbrüchen und Arbeitslosigkeit führt.

Afheldts Stärke, die unvoreingenommene Analyse der Situation, ist auch seine Schwäche. Fast jede der von ihm empfohlenen Maßnahmen beinhaltet schwere Nebenwirkungen, die letztlich nur durch eine  rigide durchgreifende - sprich totalitäre - Weltregierung verhindert werden könnten. Das jedoch will er verständlicherweise auch nicht. Wenn er die von den Industriestaaten weltweit durchgedrückte Liberalisierung als undemokratischen Akt denunziert, der durch die Entmachtung lokaler Regierung seitens internationaler Konzerne selbst zu Demokratieverlust führt, so gilt für eine regulierende Weltregierung, die jeder Region die wirtschaftlichen Maßnahmen vorschreibt, dasselbe. Und hellsichtig erkennt er auch, dass gerade ein solcher Verlust zum Ende des "real existierenden" Sozialismus geführt hat.

So schließt sich am Ende des Buches der Vorhang, und alle Fragen bleiben offen. Dabei wird noch nicht einmal diskutiert, dass Schutzzölle, die der europäischen Festung ihren sozialen Standard erhalten könnten, nicht nur die eigenen Produkte im Weltmarkt verteuern, sondern auch den Entwicklungsländern die Exportmöglichkeiten in die Industriestaaten verbauen würden.  Schon heute beklagen die Entwicklungsländer zu Recht, dass die EU durch die Agrarsubventionen zwecks Erhalt des bäuerlichen Wohlergehens ihre Landwirtschaft schwer schädigt; doch dieser Aspekt kommt bei Afheldt nicht zur Sprache.....

Eine wesentliche Schwäche von Afheldts Ausführungen besteht darin, dass er alle Tendenzen als unidirektional und final ansieht. Soziale Kämpfe in den Entwicklungsländern um einen höheren Anteil an den Einkünften, sprich höhere Löhne, stehen bei ihm nicht zur Diskussion, und damit auch nicht die Frage, wie lange diese Länder ohne Investitionen für Bildung und Infrastruktur noch als verlängerte Werkbänke für immer komplexere Technologien dienen können. Was kurzfristig stimmt, muss langfristig noch lange nicht zutreffen. Wer auf einer Sinuskurve abwärts rutscht, sieht die Katastrophe nahen, ohne zu wissen, dass sich die Kurve wieder hinauf schwingt. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs hat die Weltwirtschaft eine Periode des Friedens erlebt, wie sie vorher nie existiert hat, also fehlen uns daher - glücklicherweise - die Katastrophen, die aus ihren eigenen Niederungen heraus immer wieder zu starkem Wachstum geführt haben. Auch das Entropie-Gesetz, das einen unaufhaltsamen Ausgleich zwischen ungleichen Systemen festschreibt, kommt bei Afheldt nicht zur Sprache. Zwar wünscht man sich von ihm nicht Aussagen der Qualität "Die Menschheit hat sich schon immer aus schwierigen Situationen gerettet", doch den Hinweis auf eine systemimmanente Angleichung unterschiedlicher Bedingungen - z.B. durch das politische Erwachen ausgebeuteter Arbeitnehmer - hätte man von ihm schon erwartet.

Das Buch ist im Verlag Antje Kunstmann unter der ISBN 3-88897-385-6 erschienen und kostet 12 €.

Frank Raudszus