| Richard J. Evans: "Das Dritte Reich - Aufstieg" |
| Der erste Band einer neuen Trilogie über ein unendliches Thema | |
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In dem vorliegenden Band geht Evans zurück bis in die ersten Tage einer deutschen Republik, 1848. Ausgehend von diesem Datum kommt er zu Bismarck, den Einigungskriegen und schließlich dem deutsch-französischen Krieg 1870/71. Diese lange Ausholbewegung erscheint ihm gerade deshalb so wichtig, weil er anhand der geschichtlichen Entwicklung aufzeigen will, dass die Deutschen entgegen modischen Meinungen nicht zwangsläufig zu begeisterten Gefolgsleuten Hitlers wurden, sondern dass die Geschichte an vielen Stellen hätte anders verlaufen können und eine verhängnisvolle Kette einzeln "unverdächtiger" Ereignisse und Entwicklungen zu dem bekannten Ende geführt haben. Wohltuend wirkt Evans abwägendes Urteil, das sich aller vorschnellen Vorverurteilungen enthält und versucht, den Kontext dieser dunklen Epoche auszuleuchten. Im Vorwort verweist er ausdrücklich auf die Pflicht des Historikers, Entwicklungen und Ereignisse zu schildern und zu analysieren und sich eigener Urteile weit gehend zu enthalten, ohne deshalb zum meinungslosen Chronisten zu werden. Als Mensch und Historiker hat Evans in den letzten fünfzig Jahren zu viele ideologische eingefärbte Darstellungen gelesen, um sich selbst als Richter über ganze Völker aufzuwerfen. Das bedeutet natürlich nicht, dass er etwa "nachsichtig" mit den Deutschen umgeht. Detailliert beschreibt er zum Beispiel die Anfänge des spezifisch deutschen Antisemitismus, der bereits im Kaiserreich seine stillen Blüten trieb und der bei einer nach dem Ersten Weltkrieg verunsicherten und tief im Selbstbewusstsein verletzten Gesellschaft einen fruchtbaren Nährboden fand. Besonders die Suche nach einem Sündenbock für eigenes Versagen oder für globale Katastrophen - ob bei den wirtschaftlichen Zusammenbrüchen nach der Gründerzeit oder bei der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg - wurde beim "internationalen Finanzjudentum" schnell fündig. Die Verbindung aus dünkelhafter Selbstüberhöhung der Kaiserzeit und dem Absturz nach 1918 führte zu Hass und Frustration, die sich ihr Ventil suchen mussten. Das alles analysiert Evans mit klarem Kopf und nüchterner Sprache, und so Manches kommt dabei ans Tageslicht, was man so bisher nicht gesehen hat. Dabei schreibt Evans - wie alle Angelsachsen - wohltuend verständlich, verzichtet auf überbordende Literaturverweise und schafft es sogar, so etwas wie Spannung bei einem Thema aufzubauen, das den meisten Lesern zu Genüge bekannt und nicht gerade angenehm zu lesen sein dürfte. Trotz der geradezu apokalyptischen Entwicklung, die er minutiös nachzeichnet, bietet das Buch neben dem rein informativen sogar in gewisser Weise einen unterhaltenden Wert. Cum grano salis: auch schreckliche Geschichte kann sich angenehm lesen! Das Buch ist im dtv-Verlag unter der ISBN 3-423-34191-2 erschienen und kostet 19,50 Euro. Frank Raudszus |