Bernhard Sinkel: "Bluff"

Thriller über die Nachwehen des realen DDR-Sozialismus
   

Vierzig Jahre real existierenden Sozialismus' haben mehr als ausreichend Stoff für Aufarbeitungsliteratur aller Art hinterlassen. Vom nostalgischen Selbstmitleid ehemaliger Funktionsträger über erfrischende Kindheits- und Jugendbiografien bis hin zu tief schürfenden Analysen vornehmlich westlicher Autoren sind dabei alle Varianten vertreten. Der Autor des vorliegenden Romans hat diese Sammlung jetzt durch einen spannenden Thriller angereichert, der sich erfolgreich von gängigen Klischees dieser Literaturgattung abhebt. Der Titel "Bluff" bezieht sich vordergründig auf einen kleinen Ort in Arizona, auf den die Handlung sich zu bewegt, gleichzeitig aber auch auf das Vorgehen der Protagonisten, die sich gegenseitig immer wieder narren, bis schließlich einer zuletzt lacht.

Der junge Raoul geriet zu DDR-Zeiten dank seines phänomenalen Gedächtnisses ins Visier der Stasi, die ihn bald seiner Mutter und seinem Großvater wegnahm und unter staatliche Obhut nahm. Nach dem Zusammenbruch der DDR erfährt Raoul vom dopingbedingten Tod seines Vaters, einst erfolgreicher DDR-Sportler. Im Zuge seiner weiteren Nachforschungen stellt sich heraus, dass seine Mutter ihn mitnichten nach ihrer angeblichen Flucht nach Westberlin allein in der DDR zurückgelassen hat, sondern als störende weil gegen das "Stasi-Kidnapping" ihres Sohnes protestierende Unperson ins Gefängnis kam, wo sie sich später das Leben nahm. Raoul macht seinen früheren Stasi-Betreuer Kasunke für den Tod seiner Mutter und die Zerstörung seiner Kindheit verantwortlich und schwört Rache. Als er erfährt, dass Kasunke sich mit Hilfe der CIA in den USA ein neues Leben aufbauen will, folgt er ihm dorthin. Während er dort Kasunkes Spuren folgt, muss er sich der existenziellen Bedrohung durch skrupellose CIA-Mitarbeiter erwehren. Doch die junge Kunstfliegerin Dorothy hilft ihm in kritischen Situationen und entwickelt sich zu einer verlässlichen Partnerin.

Im Laufe der spannenden Jagd durch Arizona erinnert sich Raoul in Rückblenden an die Ereignisse vor und nach der Wende und an die beispiellose Skrupellosigkeit, mit der Kasunke das fotografische Wissen Raouls anzuzapfen versuchte. Dabei gingen nicht nur Häuser in Flammen auf, sondern erwies sich auch vermeintliche Liebe als kühler Kalkül und ein menschliches Leben als wertlos. Nur ein Wunder hat Raoul bis zu diesem Tage überleben lassen, und die Chancen für seine weitere Überlebensfähigkeit stehen angesichts der Entschlossenheit des ehemaligen Stasi-Offiziers und der Rücksichtslosigkeit der CIA nicht sehr gut...

Sinkel beschreibt in seinem Thriller die üblen Machenschaften der Geheimdienste schnörkellos und ersetzt dabei vordergründiges Moralisieren durch Tatsachenschilderungen. Dabei marginalisiert er bewusst den Unterschied zwischen Stasi und CIA und vermeidet so die "politisch korrekte" Einseitigkeit von US-Thrillern à la Tom Clancy. Die Geschichte behält bis zum Schluss ihre Glaubwürdigkeit und gewinnt erst ganz zum Schluss einen ironischen(?) Unterton, wenn ausgerechnet das FBI als "gute" Institution für Recht und Ordnung sorgt. Doch das sind Kleinigkeiten, über die man hinwegsehen kann, und er muss diese Lösung wohl wählen, weil er im Gegensatz zu US-Autoren das Buch nicht mit dem üblichen "Showdown" der Selbstjustiz beenden kann. Dieser Thriller zeigt eher die akzeptablen Seiten seines Genres: Spannung, Glaubwürdigkeit, maßvolle Blutmengen und informative Hintergrundinformationen. Nebenher bedient er auch noch in vertretbarem Umfang den Erotik- und Gemütsbedarf der Leserschaft, ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Das Buch ist im Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) in der Reihe Premium unter der ISBN 3-423-24373-2 erschienen und kostet 14,50 Euro.

Frank Raudszus