Jürgen Benvenuti: "Kolibri"

Spannender Roman über Umweltsünden, Paranoia und Profitgier
   

Karl Baumgartner ist zwar schon dreißig, dennoch aber noch nicht ganz "fertig geworden". Nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt im Urwald Costa Ricas, währenddessen er sich seiner mangelnden Eignung zum Forscher schmerzhaft bewusst geworden ist, hat er eine Stelle in einem Wiener Unternehmen gefunden, das sich mit der Herstellung von Naturkosmetika beschäftigt. Glücklich fühlt er sich im Umfeld eines so stromlinienförmigen wie karrieresüchtigen jungen Chefs, eines kriecherischen Entwicklungsleiters und eines alkoholkranken Betriebsarztes nicht gerade, doch als ihm aufgrund eines von ihm verursachten Schadens die Entlassung droht, unterdrückt er seine Aversion. Trotz der halblauten Äußerungen des ebenfalls von seinem Job abhängigen Betriebsarztes über eine mögliche Schädigung seiner Gesundheit durch die austretenden Stoffe ist er zu einer Entschuldigung bei dem Geschäftsführer bereit. Allerdings fällt diese dank vorher genossenen Alkohols derart kryptisch und impulsiv aus, dass dieser, aufgrund der von ihm geförderten unsaubere Praktiken im Labor sowieso schon unter Stress stehend, daraus auf eine Bombendrohung schließt und hinter Karls Rücken die Polizei alarmiert. Während dieser noch im Büro des Geschäftsführers auf dessen Rückkehr wartet, marschieren Polizei, Feuerwehr und diverse Spezialtruppen vor der Firma auf und belagern das vermeintlich von Bombenlegern besetzte Gebäude. Ehe der immer noch alkoholisierte Karl so richtig begreift, was sich hier abspielt, ist die Angelegenheit bereits zu einem nationalen Krisenfall eskaliert, der Politiker, Presse und Umweltaktivisten auf den Plan ruft.

Diese Konstellation gibt dem Autor reichlich Gelegenheit, die verschiedenen Protagonisten der Handlung vorzuführen. Da ist neben dem etwas naiven und gutgläubigen Karl vor allem der Geschäftsführer, aalglatt und skrupellos, immer nach neuester Mode gekleidet und allen Jetset-Trends folgend, seine Angestellten nach dem Motto "Zuckerbrot und Peitsche" behandelnd, wobei die Peitsche allemal größer als das Zuckerbrot ist. Sein rückgratloser Entwicklungsleiter hat per Zufall eine kommerziell bedeutende Entdeckung gemacht, über deren Umweltfolgen er lieber nicht nachdenken möchte, mit der er aber auf die Sonnenseite des Lebens zu kommen denkt. Der Betriebsarzt ahnt ebenfalls nichts Gutes, muss jedoch die teuren Behandlungen seiner behinderten Tochter bezahlen und spricht wegen seiner Sorgen mehr als ihm zuträglich dem Alkohol zu.  Zu diesem Kernpersonal kommt noch die ehrgeizige Journalistin Maria, ehemals Karls Freundin und nun in einer frühen Beziehungsphase zu einem Polizisten, dessen Kollegen, ein Freund Karls, eine vom Investor der Firma als "Krisen-Feuerwehr"  geschickte Frau, der Bürgermeister Wiens sowie der grüne Umweltstadtrat.

Alle Beteiligten nutzen die Krise um das angebliche Bombenattentat für ihre Zwecke: Berger versucht im Chaos der unklaren Nachrichtenlage im Trüben zu fischen und belastendes Material zu entsorgen; Maria möchte unbedingt die "Story ihres Lebens exklusiv recherchieren; die Umweltaktivisten sehen wieder einmal eine hervorragende Möglichkeit, sich als Gutmenschen zu inszenieren,;der Umweltstadtrat genießt das von bösen Firmen und nachlässigen Überwachern angerichtete Unheil - vor dem er natürlich immer gewarnt hat-; der Investor und seine Abgesandte bangen um die investierten Gelder und die Reputation und der Bürgermeister um seine Wiederwahl. Und so entwickelt man schnell kreative Wege, um der Krise Herr zu werden oder sie gar in eine Erfolgsmeldung umzumünzen. Karl hilft dabei durch eine geniale Idee, die ihm sozusagen zwischen Tür und Angel einfällt. Wie es in einem guten Thriller sein muss, eskaliert die Situation von Stunde zu Stunde, aber im Gegensatz zu Thrillern der amerikanischen Machart nicht mit den bierernsten Klischees guter (amerikanischer) und schlechter (sonstiger) Menschen sondern mit typisch österreichischem Humor und einer sanften Ironie, die augenzwinkernd ausdrücken will, dass alles nur halb so heiß gegessen wie gekocht wird. Zwar sind hier einige Charakterferkel am Werke, aber in gewissem Sinn sind auch sie arme Schweine und keine ausgemachten Bösewichter, was ihre unappetitlichen Eigenschaften deswegen nicht sympathischer macht. Am Ende löst sich alles in nahezu grotesker Art ohne Tote und Schwerverletzte auf, und Karl Baumgartner hat ebenfalls seine Lektion fürs Leben gelernt.

Jürgen Benvenuti hat mit diesem Buch eine satirische Bestandsaufnahme der aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen zu den  Themen Neue Technologien, Gentechnik, Kapitalismus-Auswüchse, Umwelt-Aktivismus und Presse(un)wesen zusammengestellt, die sich unterhaltsam und spannend liest und außerdem mit recht plastischen und glaubwürdigen Charakteren aufwartet. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall mehr als die anderer "illuminierter" Fließband-Thriller.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-469-X erschienen und kostet 19,90 Euro.

Frank Raudszus