Andreas Maier: "Kirillow"

Eine aktuelle Bestandsaufnahme der jungen Generation
   

Der Mikrokosmos menschlicher Gruppierungen und Subkulturen stellt ein zentrales Thema in den Büchern des österreichischen Autors Andreas Maier dar. Beschreibt er in "Klausen" die Atmosphäre eines abgeschiedenen Alpendorfes und die Reaktion der Daheimgebliebenen auf die temporäre Rückkehr eines jungen Mannes aus der fernen Studentenstadt, so stellt er in dem vorliegenden Roman die Situation der heutigen studentischen Jugend - will sagen der künftigen Führungselite - in den Mittelpunkt. Dabei liegt ihm nicht so sehr an dem Aufbau eines "klassischen" Konfliktdramas, in dem die Rollen der Gutmenschen und der Bösewichter sauber verteilt sind, als vielmehr an den gruppendynamischen Prozessen innerhalb dieser Gemeinschaft und an deren intellektuellen und emotionellen Befindlichkeiten.

Eine lose miteinander verbundene Gruppe von Frankfurter Studenten lebt in den typischen Studentenalltag hinein. Da ist der Politikersohn Julian, der seinem Karrierevater mit einer Art gleichgültiger Distanz gegenübersteht, sich auf seine Herkunft nichts einbildet und unter Alkoholeinfluss gerne von einem Fettnapf in den nächsten tritt. Da ist seine Kommilitone Jobst, selbst ernannter Revolutionär, der Sozialneid mit linksradikaler Attitüde kompensiert. Da ist der unscheinbare Frank Kober, der sich nebenher um allein stehende alte Damen kümmert und durch seinen unregelmäßigen Lebenswandel die Bewohner des Frankfurter Mietshaus mit ihrem biederen Alltagstrott irritiert. Da sind weiterhin ein paar junge Mädchen, weniger alkoholgefährdet aber durchaus umtriebig, die weniger aus Sendungsbewusstsein als aus praktischer Veranlagung immer wieder mäßigend auf die jungen Männer einwirken.

In diese Konstellation "platzt" unversehens eine kleine Gruppe russischer Studenten -zwei Männer und zwei Frauen -, die zu einem nicht näher bestimmten Zweck nach Deutschland gekommen sind und sich jetzt als Zaungäste der studentischen Subkultur durch das Frankfurter Leben schlagen. Aufregendes geschieht nicht. Man geht von diesem Lokal zu jenem, trifft mal diese und mal jene, sucht eigentlich immer nach etwas Besonderem, ohne es näher definieren zu können. Doch nicht die esoterische Suche nach dem "Sinn des Lebens" treibt diese jungen Leute um, sondern das dumpfe Gefühl, dass eben dieses ziellose "In-den-Tag-Leben" nicht die Essenz des Lebens ausmachen könne. Ideologien gegenüber - seien sie links oder rechts orientiert - verhält sich diese Generation äußerst skeptisch, einen ausdrücklichen Ersatz für Ideologien, so die Religion, sucht sie auch nicht. Zunehmend macht sich die Erkenntnis breit, im Leben sei "alles gleich": gleich gut und gleich schlecht. Sie seien nicht besser als ihre Väter und Mütter und diese nicht besser als sie. Dinge geschehen, weil sie geschehen, ohne einen höheren Sinn und Zweck dahinter. Als die jungen Russen einen Altergenossen aus ihrem Heimatort mit seiner Theorie über die "Gleichheit aller Dinge" zitieren, wirkt das wie ein Katalysator auf die internen Prozesse in der Frankfurter Gruppe, und die jungen Leute beginnen das "Kirillowsche Prinzip" zu formulieren. Um dem "alles ist gleich" zu entfliehen, kümmern sie sich plötzlich im Schichtbetrieb um eine schwer erkrankte alte Dame, ohne daraus jedoch eine Weltanschauung zu generieren. Nicht die positive Aussage des "guten Werkes" steht im Mittelpunkt sondern das Aufbrechen der großen Beliebigkeit. Aus diesem anfangs noch zarten Pflänzchen einer gruppendynamischen Bewusstwerdung erwächst dann der allgemeine Beschluss, an den Castor-Demonstrationen in Lüchow-Dannenberg teilzunehmen. Und so begibt sich die gesamte Gruppe in mäßig organisierter Form - ganz anders als die straffe Kaderorganisation der späten Sechziger und frühen Siebziger - an den Ort des berühmt-berüchtigten Zwischenlagers. Hier geraten sie bald in Konflikt mit den massierten Polizeikräften, jedoch auch hier bleibt die Aggressivität unverbindlich, und man spielt schon mal Fußball mit der Polizei, solange die Castor-Transporte noch durch Frankreich rollen. Auch die Rolle der Polizei beschreibt der Autor nicht aus der Sicht eines politisch korrekten Klassenkämpfers, sondern als distanzierter Beobachter, der sowohl die Unsinnigkeit des ganzen Geschehens als auch die undankbare Rolle der jungen Polizisten erkennt. Und so entwickelt sich die Demonstration auch nicht zum spektakulären "Showdown" mit dem finalen Sieg des Guten - was immer das ist - sondern als Folge von ungeplanten Einzelaktionen, die vor sich hinplätschern, und von tolpatschigen Provokationen beider Seiten, die sich fast zwangsläufig zu einer organisatorisch bedingten Aggression hochschaukeln. Den Schlusspunkt bildet eine so unsinnige wie symbolhafte Einzelaktion, die neben minimaler politischer Wirkung lediglich den tragischen Tod eines Demonstranten zur Folge hat. Am Ende hat zumindest Julian einmal die Grenzen des "alles ist gleich" durchbrochen, ohne daraus jedoch einen messbaren Gewinn für sich oder die Gemeinschaft zu ziehen. Die Akteure ziehen sich wieder in ihr Privatleben zurück, ratlos in der Mansarde.

Andreas Maier stellt in diesem Buch einmal mehr seine hohe Beobachtungsgabe unter Beweis, lässt Menschen und Motive glaubhaft werden, ohne dabei eine nur literarisch schöne weil romanhafte Welt der großen Gefühle und schwer wiegenden Konflikte zu errichten. Gerade diese Durchschnittlichkeit des Sujets und seiner Protagonisten macht den Roman lebendig und realitätsnah, wenn ihm auch ein wenig mehr Humor gut getan hätte. Aber der ist nicht gerade Maiers Domäne.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41691-x erschienen und kostet 19,80 €.

Frank Raudszus