| Carl Djerassi: "Ego" |
| Ein selbstreferenzieller Versuch über die Ichbezogenheit des Literaten | |
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Bereits dieser Ausgangspunkt stellt einen Höhepunkt der Egozentrik dar. Die vordergründig originelle und sogar spannende Geschichte - wie richtet er sich als "Untoter" ein? - entlarvt im Grunde genommen eine grenzenlose Eitelkeit und Selbstüberhöhung, die für sich das Recht auf absolute Authentizität und "Wahrheit" in Anspruch nimmt. Nicht nur achtet er den Schmerz gering, den er unter Umständen seinen Nächsten zufügt, sondern darüber hinaus zentriert er seine gesamte Welt auf sich. Nicht die gesellschaftspolitische oder menschliche Wirkung seiner Bücher sind für ihn wichtig sondern nur noch sein "Ego" im Lichte der Öffentlichkeit. Doch diese Kritik, auch wenn sie latent das gesamte Buch durchzieht, für die Kernaussage zu nehmen, hieße zu kurz zu springen. Djerassi hängt an dieser Situation eine durchaus spannungsreiche und intellektuell anspruchsvolle Diskussion über die Situation des Schriftstellers in der Gesellschaft auf. Ja, er gesteht dem Autor sogar eine gewisse Egozentrik zu, wobei man betonen sollte, dass es ihm weniger um moralische Werturteile als um eine analytische Darstellung der Literatenpsyche geht. Warum und für wen schreibt ein Schriftsteller, und was erwartet er von Lesern und Kritikern? Letztere kommen natürlich in diesem Buch auch zu ihrem Recht, und zwar in Gestalt des New Yorker "Großkritikers" Noah Berg, einst Marx' Bewunderer und dann - als sein erotischer Konkurrent - sein gnadenloser Richter. Der Zufall oder vielmehr der Autor will es, dass Berg die Witwe des vermeintlich Verschiedenen kennen und lieben lernt, woraus sich verständlicherweise gewisse Komplikationen ergeben. Als Katalysator für den Fortgang der Geschichte dient eine junge Journalistin, die zufällig Wind von dem falschen Freitod bekommen hat und den Spuren des "Toten" nachgeht. Wie in einem Roman - im Gegensatz zur normalen Realität - nicht anders zu erwarten, kämpft sie sich an das Objekt ihrer biographischen Begierde heran, und damit kann sich die Handlung zu ihrem dramaturgischen Finale hin entwickeln. Doch wie bereits gesagt, die Handlung - auch wenn sie durchaus glaubwürdig und stringent aufgebaut ist - spielt in diesem Roman eine weniger wichtige Rolle. Als wirklich entscheidend erweisen sich immer wieder die Diskussionen zwischen den Protagonisten über den Sinn des Schreibens, über die Selbstverwirklichung des Autors und über seine Beziehung zu den Rezipienten. Als weiteres Spannungsfeld erweisen sich die sonstigen sozialen Beziehungen des Schriftstellers - zu Ehefrau, Freunden und Frauen - sowie die Frage, inwieweit ein Schriftsteller diese Beziehungen als bloßes Material für seine Tätigkeit benutzen darf und sich von allgemein anerkannten sozialen Standards lösen kann. Carl Djerassi ist es in diesem Buch gelungen, seine etwas konstruierte Schreibweise der "Science-in-Fiction" zu einer lebensnahen und realistischen Darstellung zentraler psychologischer Themen zu erweitern. Das liegt sicher daran, dass jetzt nicht mehr die Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in einen menschlichen Alltagskontext im Vordergrund steht, sondern die Psyche und die Motivationen eines durchaus repräsentativen Menschentyps, des Schriftstellers. Da die mühsame Erklärung komplizierter wissenschaftlicher Zusammenhänge zugunsten einer Darstellung allzu menschlicher Konstellationen entfällt, gewinnt das Buch entscheidend an Farbe, Tempo, Realitätsbezug und sogar Humor, den man sonst bei Djerassi eher suchen muss. Dabei gewinnt der Leser auch Erkenntnisse über die Psyche und die Motivation des Schriftstellers, so wie Djerassi sie sieht, und kann diese intellektuelle Entwicklung auch nachvollziehen. Vor allem die intellektuelle Dichte der Betrachtungen sowie die nüchterne Ehrlichkeit und der Verzicht auf jegliche Klischeés sind hervorzuheben. Djerassi liefert ein Buch ab, das keine der typischen Ingredienzien des amerikanischen Gesellschaftsromans enthält, und wenn, dann nur in homöopathischen Dosen. Bei ihm entstehen vor dem inneren Auge des Lesers keine Identifikationsfiguren oder Archetypen des Bösen und Guten, sondern Alltagsmenschen, die alle an ihrer Identität und an den Kommunikationsproblemen mit ihren Mitmenschen leiden. Also wie im richtigen Leben....... Als literarische Zugabe hat Djerassi den Roman anschließend noch einmal als Theaterstück angefügt, jedoch nicht mit derselben personellen Konstellation sondern in einer Dreiecksvariante aus dem Autor, seiner Frau und einem Therapeuten. Die Geschichte läuft hier sozusagen orthogonal zu dem Roman ab, die Probleme bleiben jedoch die gleichen. Auch das Theaterstück lebt durch seine Realitätsnähe und seine Dichte und eignet sich vorzüglich für kleinere Kammerensembles. "Die Angst vor Virginia Woolf" lässt grüßen.... Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-448-7 erschienen und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |