| Manfred Wieninger: "Der Engel der letzten Stunde" |
| Kriminalroman, der viele Klischees bedient | |
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Ärgerlicher als diese dramaturgische Schwäche ist die Aneignung des Chandlerschen "einsamen Wolfes" als Hauptperson. Wie dessen Philip Marlowe ist Wieningers Detektiv ein verarmter weil auftragsloser Privatdetektiv, der natürlich wegen seiner eherner Prinzipien keine Aufträge bzw. kein Geld erhält. Wenn es auch kein Zeichen großer Originalität ist, literarische Muster von anderen Autoren zu übernehmen, so muss es doch nicht unbedingt illegitim sein, sofern es gut gemacht ist. Doch Wieninger überzieht seine Marlowe-Kopie, oder soll man besser sagen Plagiat, in jeder Hinsicht. Sein Marek Miert ist nicht arm, sondern bettelarm; seine Wohnung zerfällt fast im asozialen Ambiente und sein alter Ford Granada in seine Bestandteile. Und wenn Chandlers Helden sich hauptsächlich von Whiskey, Steaks, Kaffee und Zigaretten ernähren, so muss Wieninger bei all diesen Zutaten noch etwas draufpacken. Man sieht richtig, wie er sich in seinen Marlowe-Verschnitt hineinsteigert. Literarisch schlägt sich das dann in übertriebenen Bildern und Vergleichen nieder und es scheint, als wolle der Autor seine Leser mit der Nase brutal auf die Bedeutung dieser Bilder stoßen. Im Vergleich mit der trockenen Sprache eines Raymond Chandler wirken diese Bilder in ihrer angestrengten Übertreibung ungewollt komisch. Ein weiteres Klischee besteht darin, dass nahezu alle "staatstragenden" Personen - z.B. die Polizei - als korrupt, faul oder dumm, im besten Fall als Kombination dieser Eigenschaften, dargestellt werden. Man kann zwar im "richtigen Leben" durchaus an Effizienz und Loyalität so manchen Behördenvertreters zweifeln, aber sie "in toto" derart abzuqualifizieren erweist sich eher als literarisch-ästhetische Schwäche denn als Beleidigung ganzer Berufsgruppen. Vernichtende Pauschalkritik erhöht die Glaubwürdigkeit eines Buches nicht gerade. Diese Vorgehensweise findet ihr Gegenstück in dem menschlichen Hymnus auf die "Guten", die natürlich immer im einfachen Milieu zu finden sind. Die Philosophie ist einfach und gradlinig: die Oberschicht ist schlecht, die Unterschicht gut. Ob dies mit anerkennten soziologischen Erkenntnissen und den Polizeistatistiken übereinstimmt, sei dahingestellt. Bleibt noch eine andere Ungereimtheit. Philip Marlowe ist ein einfacher Mensch mit einfachen Ansprüchen, von den moralischen abgesehen. Wieningers Miert jedoch - ein abgehalfterter Polizist (warum?) und erfolgloser Privatdetektiv - ist ein Weinkenner, der im Medoc und bei anderen führenden Weinlagen zu Hause ist; natürlich kennt er sich auch im Theater aus, vergleicht er doch einmal ein überraschendes Ereignis mit der ersten Szene einer Reinhard-Inszenierung. Die Musik darf natürlich nicht fehlen, und so ist ihm auch Dvoraks Sinfonie in e-moll durchaus eine Herzensangelegenheit. Und in seinem Bücherschrank lehnen Musil-Bände neben anderen ebenbürtigen Büchern. Man fragt sich nicht nur, wie Miert bei einem solch großbürgerlichen Hintergrund so herunterkommen konnte - das lässt sich ja noch über seine moralischen Standards erklären -, sondern warum er gerade wegen dieser moralischen Ansprüche die großbürgerlichen Attitüden so genüsslich ausbreitet. Oder sollte das etwa der Bildungsexhibitionismus des Autors sein....? Neben all diesen Schwächen bleibt vielleicht noch zu vermerken, dass die Handlung sich dahinschleppt und kaum echte Spannung erzeugt, wohl auch wegen der dramaturgischen Schwächen. Wenn man das Buch zuklappt, ist man froh, dass es vorbei ist. Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-489-4 erschienen und kostet 17,90 €. Frank Raudszus |