Amélie Nothomb: "Kosmetik des Bösen"

Fundamentales Streitgespräch über die Rolle des Bösen 
 

Amélie Nothomb, deren Buch "Im Namen des Lexikons" wir hier vor einiger Zeit vorstellten, widmet sich in diesem kurzen Dialogroman wieder einem einzelnen Thema: dem Bösen im Menschen. Wie bereits in ihren anderen Büchern geht sie dabei so konsequent wie geistreich vor und verzichtet auf das übliche Romanbeiwerk, das nur der Unterhaltung der Leser dient.

Zwei Männer kommen in der Abflughalle eines Flughafens dank einer Verspätung ins Gespräch, wobei der eine dem anderen die anfangs beiläufige Unterhaltung geradezu aufdrängt. Als dem Opfer selbst ein kurzfristiger Gang zur Toilette nichts hilft, unterwirft er sich notgedrungen dem Diktat des Dialogs, jedoch nicht ohne deutliche Zeichen der Ablehnung sowohl der Unterhaltung als auch des Gegenübers. Solange der Gesprächspartner sein eigenes Leben, seine Obsessionen und seine Untaten mehr oder minder freimütig schildert, erntet er nur abweisende und sarkastische Kommentare, als er jedoch plötzlich ein eigenes Verbrechen in direkte Verbindung zu seinem Gesprächspartner bringt, kann sich dieser dem Gespräch auch inhaltlich nicht mehr entziehen. Dabei stellt sich heraus, dass der Fremde eine Bestrafung in Form der Tötung durch seinen Gesprächspartner fordert und erwartet, da nur diese ihn von seiner Schuld - die wir hier zwecks Spannungserhalts nicht näher detaillieren wollen - befreien könne. Daraus entwickelt sich eine so zugespitzte wie geistreiche Diskussion über Schuld, die Freiheit des Menschen, die Abhängigkeit von gesellschaftlichen Normen sowie Sühne und Rache. Permanent provoziert der Fremde seinen Partner, indem er sämtliche Regeln des menschlichen Zusammenlebens aus rein logischer Sicht in Frage stellt und damit auch dessen Weltbild ins Wanken bringt. Am Ende erreicht der Provokateur sein Ziel, aber zu diesem Zeitpunkt hat sich die Diskussion bereits in eine andere, existenziellere Ebene verlagert. Der letzten Waffe des Fremden, die Behauptung einer Identität der Beiden, kann der Provozierte nicht mehr entgegensetzen als die nackte Tat. Der kurze Epilog führt dann die Konstruktion des Dialogs in den Rahmen des Realen zurück und verleiht dem Gespräch nachträglich eine gewisse moralisch-philosophische Ordnung.

Der Autorin gelingt es, das Thema des in jedem Menschen schlummernden Bösen treffend zu artikulieren und es in einen Dialog umzusetzen, der nicht nur unterschiedliche philosophische und moralische Standpunkte zu Worte kommen lässt, sondern obendrein auch noch Spannung zu erzeugt. Obwohl nicht als Kriminalroman konzipiert, zeigt der Roman doch durchaus Elemente dieser Gattung, und zwar die besseren. Dank des hohen Tempos und der immer wieder überraschenden Theorien und Sichtweisen kommt keinen Moment Langeweile auf. An dem Beispiel dieses Romans lässt sich zeigen, dass in der thematischen Beschränkung sich durchaus der Meister zeigen kann.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-06393-8 erschienen und kostet 16,90 €.

Frank Raudszus