| Roberto Cotroneo: "Tempestad" |
| Symbolbeladener Roman über eine Schiffsreise ins Innere | |
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Der Ich-Erzähler Luis ist einst in dem winzigen südamerikanischen Ort Tempestad aufgewachsen, der mehr oder weniger nur zu Wasser zu erreichen war und die Sehnsucht nach einem verwunschenen, nicht mehr zu entschlüsselnden Ursprung weckt. Bewusst lässt der Autor Tempestads geographische Lage im Dunkeln, um seine Allgegenwärtigkeit als verlorenes Paradies zu betonen. Im Mittelpunkt dieses kleinen Ortes stand das Schachspiel, das einst Luis' Vater dort verbreitet hat, bevor er die Familie verließ. In Tempestad spielte seitdem nicht nur nahezu jeder Schach, in der alten Bergbaustadt entstand sogar eine Fabrik für Schachfiguren. Erstaunlicherweise hatte sich jedoch in Tempestad das Spiel auf Remis eingebürgert, der Angriff zum Zweck des Sieges galt als verpönt. Symbol Nummer zwei. In noch kindlichem Alter verließ Luis mit seiner Mutter diesen fernen Ort der Kindheit, um künftig im unwirtlichen Mailand zu leben, Symbol für ein "unbehaustes" Dasein. Dort setzt er sein Geigenspiel fort, das er in Tempestad einst in einer ursprünglichen Art und Weise gelernt hatte. Eine junge Frau, Chiara, engagiert ihn für ein Streichquartett, das in einem abgeschiedenen Haus auf dem Lande Beethovens letztes Streichquartett, "Die große Fuge", proben soll. Der Zweck dieser Einstudierung bleibt im Dunkeln und die Zusammensetzung des Quartetts ist derartig heterogen, dass von Beginn nicht mit nennenswerten Aufführungen zu rechnen ist. Auf jeden Fall jedoch lässt sich die Endgültigkeit dieses Werkes als Symbol für die letzten Erkenntnisse deuten. Da ist der ältere Eliseo, gefangen in einem traditionellen und fast bürokratischen Musikverständnis und abhängig von seiner Geliebten; da ist die junge Giorgia am Cello, die keine eigene Mitte findet, und da ist natürlich die kapriziöse Chiara, die sich mit zunehmender Zeit als ein höchst komplizierter, ja therapiebedürftiger Charakter herausstellt. Mehr und mehr schält sich heraus, das ihre tragische Vergangenheit sie in diese Situation geführt hat, wo sie mit der Hilfe des väterlichen Vermögens in der Musik eine Therapie für ihre Schuldgefühle sucht. So endet denn die Probenzeit auch mit einem schweren - wiederum symbolträchtigen - Unwetter, mit dessen Verklingen auch Chiara verschwindet und die Gruppe sich selbst überlässt. Luis heuert anschließend als Musiker auf einem seltsamen Kreuzfahrtschiff an, das kein Ziel zu kennen scheint und dessen Passagiere einen seltsam untoten Eindruck machen. Auf diesem Schiff scheint die Zeit still zu stehen, und Besatzung wie Mitfahrer durchleben die Fahrt wie eine endgültige Prüfung ohne Hoffnung auf ein erfolgreiches Bestehen. Dem Leser drängt sich das Bild dieses ziellos durch die Meere fahrenden Schiffes als Symbol des menschlichen Lebens auf. Dazu tragen auch die geheimnisvolle, nicht nachvollziehbare Nummerierung der Kabinen - Zeichen für die ambivalente Verortung des Menschen - sowie die allerorts angebrachten Spiegel bei, die sowohl Ebenbild als auch Handlungen der Personen wirklichkeitsgetreu aber eben doch nicht real abbilden. Der Spiegel spielt in Cotroneos Roman eine zentrale Rolle, und im Zusammenspiel mit dem Schachspiel dient er als Partner des Menschen. Er erlaubt sozusagen das Spiel gegen sich selbst mit allen philosophischen Konsequenzen. Doch Cotroneo betätigt sich nicht als intellektueller Philosoph, der Ideen entwirft und sie analytisch ausarbeitet, sondern er entwickelt zugegeben starke Bilder, die er mit ihrer eigenen Dynamik auf den Leser wirken lässt. Auf dem Schiff lernt Luis den bekannten Schachspieler Byrne kennen, der nur für sich spielt und von dem sich schließlich herausstellt, dass er an Bord gekommen ist, um Luis zu treffen, wie auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Woher er von Luis' impulsiven Entscheidung für das Engagement auf dem Schiff erfahren hatte, bleibt bewusst im Dunklen, was umso mehr auf den symbolischen Charakter der gesamten Schiffskonstellation verweist. Wenn Byrne am Ende mitten auf See verschwindet und Luis einem seltsam heruntergekommenen Steward überlässt, führt dies nur in noch tiefere Schichten. Denn der Steward George führt ihn durch die Tiefen des Schiffes, wo ein Heer vom Leben Gezeichneter dubiosen Geschäften nachgeht und wo sich schließlich in einer zentralen Kabine - Nummer D1 wie die Dame im Schach - eine nicht zuzuordnende Frau als Ziel herausstellt. Diese erwartet Fragen von ihm, die nicht kommen - Parzival lässt grüßen -, stellt selbst keine der dunkel erwähnten Fragen und entlässt ihn in unerklärtem und unerlösten Zustand. Diese Metapher - fast kann man die Szene so nennen - deutet darauf hin, dass auch das ewig Weibliche die Erklärung des Lebens nicht liefern kann. Zum Schluss kehrt Luis an seinen Geburtsort zurück, mit "Einweg-Ticket" sozusagen; ohne eine erkennbare Rückkehrmöglichkeit landet er in einem fast vollständig ausgestorbenen Tempestad, in dem einige Greise mit dem Kopf nicken und wo ansonsten die Stille des Todes herrscht. Mit diesem Vergleich lässt sich diese letzte Szene auch deuten, vor allem, da fast alle Passagen dieses Buches die selbe dichte, traumartige Atmosphäre verbreiten, die eine transzendente Interpretation geradezu erfordern. Cotroneo erzeugt auf diese Weise starke Bilder mit hoher Eindringlichkeit, allerdings verlieren sich die psychologischen und philosophischen Deutungen oft im Ungefähren und Kryptischen. Die Suche nach dem Zentrum, dem "Eigentlichen" führt oft zu verstiegenen Formulierungen und Fragen, die für eine schlüssige Antwort zu viele innere Widersprüche und kaum fassbare Empfindungen beinhalten. Der Leser gewinnt über die Dauer der Lektüre eine vage Vorstellung dessen, was Cotroneo ausdrücken will, wobei die zeitweise überzogene Symbolik durchaus ihren Teil beiträgt. Doch bleiben am Ende des Buches, wenn sich der Vorhang schließt, viele Fragen offen. Das Buch ist im Insel-Verlag unter der ISBN 3-458-17147-9 erschienen und kostet 24,90 €. Frank Raudszus |