Raduan Nassar: "Das Brot des Patriarchen"

Wuchtige Poesie über starres Patriarchat
 

Um dieses Buch zu verstehen, sollte man sich die Biographie des Autors vor Augen führen. Als Sohn einer libanesischen Auswandererfamilie in Brasilien geboren, hat er die patriarchalischen Strukturen der Kombination aus orthodoxem Christentum und arabischer Familientradition kennengelernt und höchstwahrscheinlich selbst darunter gelitten. Denn zu eindringlich, zu subjektiv und mitreißend beschreibt Raduan Nassar die Situation des siebzehnjährigen Ausreißers André, der eines Tages die Großfamilie verlässt, da er den Herrschaftsanspruch seines Vaters nicht mehr erträgt. Doch nicht nur darum ging es bei seiner Flucht, und Nassar liegt nichts ferner als eine flammende Anklage gegen einer herrschsüchtigen Vater aus dem reinen Herzen eines selbstbewusst rebellierenden Jugendlichen. André geht es vielmehr um die inzestuöse Neigung zu seiner Schwester Ana, die er wie ein junger Mann "besitzen" will. Eine der stärksten Szenen dieses Buches besteht denn auch in dem unbedingten und grenzenlosen, mehrseitigen Werbungsmonolog vor der verängstigt in der Kapelle betenden Ana. Vollkommen entgrenzt und ohne jegliche Rücksicht auf die Konventionen des menschlichen Zusammenlebens fordert André in dieser flammenden Rede - letztlich ohne Erfolg - seine Schwester zum gemeinsamen Durchbrennen und zu einem Leben als Mann und Frau auf. Erst ihre stumme Ablehnung führt zu seiner Flucht.

Das Buch beginnt mit dem Besuch seines älteren, angepassten Bruders, der ihn zurück in die Familie führen soll. André erkennt schnell, dass er diesem biederen Sohn der Familie nichts erklären kann, auch seine durchaus berechtigte Ablehnung der patriarchalischen Verhältnisse nicht, und folgt ihm schließlich aus der Erkenntnis, dass er in der Fremde nichts ist und die Einbettung ihn die Familie wie der Fisch das Wasser benötigt. Auch diese Einsicht schildert der Autor in einem eindringlichen Monolog, den er immer wieder durch Rückblenden in die Kindheit und frühe Jugend des Protagonisten aufbricht, so dass sich eine Ambivalenz der zeitlichen Einordnung ergibt, die jedoch durchaus gewollt ist und die Erzählung aus einem bloß realistischen Kontext in eine poetische Ebene verlagert. Dass bei der Sehnsucht nach einer familiären Einbettung auch das erhoffte Wiedersehen mit der Schwester eine Rolle spielt, versteht sich von selbst, auch ohne dass es im Mittelpunkt von Andrés Reflexionen steht. Insofern steht nicht ein menschlicher Reifeprozess im Vordergrund der Rückkehr, sondern ein gut Teil Beharrungsvermögen und jugendliche Absolutheitsansprüche überwiegen dabei. Dass dieser Ausgangspunkt keine gute Basis für ein gedeihliches Zusammenleben vor allem mit einem Vater bildet, der starr an den überkommenen Traditionen und Wertvorstellungen festhält, versteht sich dabei von selbst. So ist denn auch die vermeintliche Aussprache zwischen Vater und Sohn ein einziges Aneinander-Vorbeireden mit niederdrückendem da fehlendem Ergebnis. Die Katastrophe am Schluss des Buches zeichnet sich zwar nicht zwingend ab, erscheint aber, als sie denn auftritt, folgerichtig. Am Ende gibt es nur Verlierer und keiner hat an Reife oder Erkenntnis gewonnen. In diesem Sinne ist Raduan Nassars Buch tief pessimistisch.

Wie auch immer die Aussage des Autors lauten soll, allein die Darstellung der äußeren und inneren Welt der Protagonisten zeugt von außerordentlicher poetischer Kraft und Eindringlichkeit. Und gerade das Fehlen einer zielgerichteten Aussage zugunsten einer ungeschminkten, ja geradezu ungezügelten Darstellung der Konflikte und ihrer Träger stellt den wesentlichen Wert dieses Buches dar. Besonders hervorzuheben ist die Sprache, die sich seitens des Rezensenten nur in der deutschen Übersetzung bewerten lässt. Überraschende, ausgesprochen kreative Wortschöpfungen kennzeichnen diese Sprache ebenso wie ein geradezu beschwörender Duktus.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41615-4 erschienen und kostet 19,50 €.

Frank Raudszus