Pascal Mercier: "Nachzug nach Lissabon"

Die Reise zum Mittelpunkt des Lebens
 

Der plötzliche, unerwartete, nicht einkalkulierbare Tod steht im Zentrum dieses Romans, der sich vordergründig mit dem Leben eines außergewöhnlichen Menschen beschäftigt. Dieser jedoch leidet an einer Neigung zur Gehirnblutung, die ihn jeden Augenblick ereilen kann, und so hängt das vorzeitige Lebensende permanent wie ein Damoklesschwert über ihm. Der relativ frühe Tod des Protagonisten mag vordergründig nur wie ein literaturtechnischer "Trick" aussehen, der die Rückschau seitens eines Dritten ermöglicht, in Wahrheit stellt er jedoch den Dreh- und Angelpunkt des Romans dar, weil mit ihm zwangsläufig alle Versuche eines gelungenen Lebens - was immer das ist - enden. Und gerade diese Tatsache ist für die Hauptperson das wesentliche Thema seines Lebens. Obwohl oder gerade weil er weiß, das ihn ein eventuell misslungenes Leben nach seinem eigenen Tod nicht mehr belasten kann, belastet es ihn während seiner gelebten Tage.

Der Autor fasst dieses Bild des nach Lebenserfüllung suchenden Menschen in den Rahmen der Betrachtung durch einen Dritten, der mit zunehmender Eindringtiefe in dessen Leben sich selbst in ihm wiederfindet. Der etwas biedere aber äußerst gebildete Altphilologe Gregorius Mundus (Welt!) sieht sich eines Tages durch eine vermeintliche portugiesische Selbstmörderin mit der Faszination der ihm fremden portugiesischen Welt konfrontiert und findet in einem Antiquariat das Buch eines portugiesischen Arztes. Wie unter einem inneren Zwang verlässt er ohne weitere Erklärungen das Gymnasium, an dem er unterrichtet, und steigt in den Nachtzug nach Lissabon, um dort den Spuren dieses Arztes nachzugehen, dessen erste Sätze ihn nach einer ersten mühsamen Übersetzung in ihren Bann geschlagen haben. Prado, so heißt der Arzt, hat sich schon früh auf kompromisslose Weise mit elementaren Themen der menschlichen Identität auseinandergesetzt und seine Erkenntnisse in einer Art Tagebuch festgehalten. Die Übersetzung dieser Überlegungen begleitet den plötzlich Reisenden auf seiner Suche nach den Spuren dieses Mannes, und dessen Überlegungen geben neben seinen noch lebenden Wegbegleitern Auskunft über ein außergewöhnliches Leben.

Die Recherchen bei seinen Schwestern - seine Eltern sind seit langem tot - und bei seinen Freunden ergeben das Bild eines so begabten wie komplizierten Menschen. Schon als siebzehnjähriger Abiturient hat Prado seine Lehrer mit einer für ein katholisches Land geradezu blasphemischen Rede geschockt, in der er einen allmächtigen Gott anzweifelt, der offensichtlich unvollkommene Wesen geschaffen hat, um sie später bestrafen zu können. Seine Sehnsucht nach einer höheren Instanz, die Liebe zu sakralen Bauten und Liturgien verstellen ihm nicht den Blick auf ein widersprüchliches Bild des von den Kirchen institutionalisierten höchsten Wesens. Den Arztberuf ergreift er seinem an einer seltenen Krankheit leidenden Vater zuliebe und zweifelt sein Leben lang die Richtigkeit seiner Wahl an, denn seine eigentliche Stärke liegt in den Worten. Drei schwere Brüche bestimmen sein Leben: einmal rettet er, ganz bewusst seinem hippokratischen Eid folgend, dem gefürchteten Geheimdienstchef der Salazar-Diktatur im letzten Augenblick das Leben und zieht sich damit die Ächtung seiner Umwelt zu. Eine für ihn elementare Erschütterung, da er gerade um die Einheit mit seiner Umwelt gekämpft hat. Mit seinem besten Freund entzweit er sich, als dieser eine Frau der Widerstandsbewegung eliminieren will, da diese - ungewollt - zu einem Sicherheitsrisiko für den gesamten Widerstand werden könnte. Und eben diese Frau weist ihn schließlich ab, die für ihn die lang ersehnte Erfüllung seines Lebens gewesen wäre, ihn vor dem Selbstzweifel und vor der Einsamkeit seiner Innenwelt gerettet hätte.

Gregorius ermittelt alle Details dieses außergewöhnlichen Lebens im Stile eines Detektivs, indem er sich das Vertrauen von Prados Verwandten und Bekannten mühsam erkämpft und dabei selbst zu einem stillen Teilhaber dieser Gemeinde wird. Wenn er am Ende - widerstrebend - nach Bern zurückkehrt, hinterlässt er nicht nur Menschen, denen er fehlen wird, sondern er wiederholt in gewissem Sinne auch das Leben Prados. Denn unerklärliche Schwindelanfälle erfordern eine medizinische Untersuchung, die auf ein ähnliche Diagnose wie bei dem Objekt seiner Recherchen hinauslaufen könnten. Prados Schicksal ist während der Beschäftigung mit dessen Leben in gewisser Weise auf seinen Biographen übergegangen. In dieser Übertragung steckt ein mythischer Kern, wie er aus alten Religionen und Kulturen bekannt ist. Man denke nur an den "Fluch" der Pyramiden, der sich auf die Ausgräber übertrug. Mercier allerdings deutet Prados symbolische "Reinkarnation" in Gregorius nur an, baut sie nicht Effekt haschend aus. Er stellt Prados fast verzweifelte Suche nach einem sinnvollen Leben und seine schweren persönlichen Rückschläge in den Mittelpunkt des Romans. Und in dem Maße, wie Gregorius Prados innere Welt vor dem Leser entschlüsselt und fassbar werden lässt, gerät er selbst zunehmend in den Sog der existenziellen Sehnsucht des portugiesischen Arztes, so dass seine letzten Handlungen vor seiner Abreise nicht mehr einer kühlen Recherche sondern einem Getriebensein gleichen. Prados letztlich tödliches Aneurysma und Gregorius' Schwindelanfälle lassen sich auch als die Unmöglichkeit der  Suche nach dem wahren Leben deuten, die, konsequent und kompromisslos fortgesetzt, zum Erlöschen des Individuums führen muss. Die Suche nach dem Absoluten endet im Tod, oder: wer einmal vom Baum der Erkenntnis isst, muss das Paradies verlassen. Auf diesen religiösen Nenner lässt sich Pascal Merciers Buch durchaus zurückführen, wobei der Rang des Romans sich jedoch darin zeigt, dass keine Interpretation zwingend, das heißt vom Autor plakativ vorgegeben ist. Bleibende Literatur eröffnet ein breites Feld von Deutungen, die dabei ihr Eigenleben entwickeln und durchaus nebeneinander existieren können.

Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-20555-1 erschienen und kostet 24,90 €.

Frank Raudszus