| Thomas Lehr: "42" |
| Ein allegorischer Roman über das Wesen von Zeit und Mensch | |
|
In seinem neuesten Roman schildert er den Besuch einer Gruppe von Journalisten im Genfer CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire), dem Mekka der Kernphysiker, das die Geheimnisse der Teilchenphysik erforscht und unter anderem einen Tim Berner-Lee, den "Erfinder" des World Wide Web, hervorgebracht hat. Nun muss man wissen, dass bei den mit hohen Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit ablaufenden Prozessen im CERN Effekte auftreten, die Albert Einstein in seiner Relativitätstheorie vorhergesagt hat (und die wir hier nicht im Rahmen einer Rezension näher abhandeln wollen). Nach Einsteins Berechnungen lösen sich die Begriffe Raum und Zeit nahe der Lichtgeschwindigkeit auf; was das praktisch bedeutet, lässt sich nur mathematisch berechnen jedoch kaum konkret begreifen. Unter anderem diskutieren die Experten Weltmodelle mit unendlich vielen Universen, die sich nur durch winzige Details unterscheiden, d. h. jedes Ereignis gleichgültig welcher Größenordnung könnte in einem anderen Universum unterschiedlich ausgehen, besser: die möglichen Varianten eines beliebigen Ereignisses definieren die unterschiedlichen Universen. Natürlich sind diese aus der Sicht des "normalen" Menschen reine Kopfgeburten und auch die Experten sehen sie als virtuelle Gebilde an, die vor allem die Eigenschaft aufweisen, dass ein Wechsel zwischen ihnen für ein normales (Lebe)wesen nach heutigem Erkenntnisstand unmöglich ist. Soweit zum Hintergrund der Geschichte. Der ehemalige Wissenschaftsstudent Lehr lässt jetzt in dem großen Beschleunigerring des CERN einen Unfall geschehen, der zur Folge hat, dass sich die Besucher nach ihrer Rückkehr aus der Tiefe in einer zeitlich erstarrten Welt wiederfinden. Sie sind sozusagen in einer anderen Kopie des Universums gelandet, das einen "Schnappschuss" ihres eigenen darstellt. Alle Bewegungen, - die Wellen des Wassers, die Wolken, der Gang der Sonne, der Flug der Möwe, der Sprung des Hundes, das Schaukeln der Kinder, das Kopulieren der Paare - sind genau um 12:47 Uhr und 42 Sekunden eingefroren worden. Das Flugzeug über Genf klebt mit ausgefahrenem Fahrwerk am Himmel und wird - im Zeitgefühl der Gestrandeten - niemals landen. Die Situation ist so grotesk wie naturwissenschaftlich gewagt. Wäre dies ein Buch, in dem ein kleiner Junge irgendwelche magischen Zauberkunststücke vorführt, wir würden es als Märchen oder Trivial-Literatur hinnehmen, hier jedoch zwickt uns der kleine Teufel der Vernunft, Fragen zu stellen. Wieso können sich die Überlebenden des Zeitstillstands in einem starren Universum bewegen? Wieso können sie den erstarrten Menschen ihren heißen Espresso oder prickelnden Champagner wegtrinken, wenn doch die Zeit stehen geblieben ist. Ohne Zeit gibt es keine Temperatur und - ja! - keine Ausbreitung des Lichts! Ohne Zeit wäre alles ein schwarzes Nichts. Lehr hilft sich mit der Konstruktion einer "Zeitblase", die sich wie ein großes Ei um die Personen gelegt hat und alles in ihrem Inneren zum Leben erweckt. Das hilft zwar als "Krücke" für das Verständnis von Essen und Trinken, erklärt jedoch nicht das Sonnenlicht.... Wie dem auch sei, die dichterische Freiheit - vornehm "poetische Lizenz" - erlaubt dem Autor natürlich Abweichungen von der Rationalität. Schließlich geht es hier nicht um ein Sachbuch zur Theorie der Zeit. Nachdem er also ein Minimum an gewagten Annahmen zwecks Fortsetzung der Handlung getroffen hat, lässt er die Schiffbrüchigen der Zeit in diesem weltweiten Wachsfigurenkabinett agieren. Nach anfänglichem solidarischen Zusammenrücken bilden sich bald Grüppchen und Cliquen, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauen. Verschwörungstheorien entstehen, die sich wechselseitig auf die Leidensgenossen erstrecken und diese zu potentiellen Tätern machen. Mord und Totschlag werden zu realen Optionen, und bald sterben die ersten. Der Protagonist selbst, seines Zeichens Wissenschaftsjournalist, wandert bis nach Berlin und Florenz - Züge und Autos funktionieren natürlich auch nicht - und folgt den Spuren seiner ebenfalls zeitlich versteinerten Frau. Die Hoffnung auf eine örtliche Begrenzung des Zeithalts musste man schon bald fahren lassen, und Zeit hat man jetzt ja - zumindest als "Zombie", wie die gestrandete Gruppe sich selbstironisch nennt - genug. Die schreckliche Zeit erstreckt sich über fünf Jahre, die unsere Probanden mit ihren eigenen, immer noch gehenden Uhren peinlich genau messen, und währenddessen durchleben die Probanden verschiedene Phasen: nach dem Initial-Schock setzt der Missbrauch ein. Man kann sich überall bedienen, nicht nur an materiellen Dingen vergreifen sondern auch an Menschen. Schließlich sind letztere warm (warum?) und wie lebendig, und die schönsten Frauen stehen widerstandslos zur Verfügung. An dieser Stelle folgt Thomas Lehr wieder seiner Neigung zum handfest Erotischen, doch rutschen die Szenen nie ins nur Pornographische ab. Eher beschreiben sie die sinkende menschliche Würde einer von gesellschaftlichen Konventionen befreiten Mini-Gesellschaft, die sich alles herausnehmen kann. Als der Missbrauch zur Alltagsroutine erstarrt, kommt die Depression und später ein finaler Fanatismus, der sich in aggressiven Theorien und Handlungen entlädt. Spätestens hier erkennt man den allegorischen Charakter des Romans, der viele Ähnlichkeiten mit Daniel Defoes "Robinson Crusoe" aufweist. Doch während Defoe mit seinem Robinson das optimistische Bild eines tatkräftigen, kreativen und gesellschaftliche Strukturen schaffenden (Freitag!) Individuums entwirft, beschreibt Lehr die Exzesse einer Gesellschaft, die alle Contenance und Struktur verliert und in ein ausschließlich parasitäres Dasein verfällt. Die planlose und flächendeckende "Abgrasung" des versteinerten Terrains zeigt keinerlei Züge von Kreativität oder gesellschaftlicher Visionen. Man will nur überleben, schiebt die Schuld für die Situation von Theorie zu Theorie, von einer Gruppe zur anderen, und hofft im Übrigen irrational auf ein Ende der verfahrenen Situation durch einen "deus ex machina". Wer hier die derzeitige Befindlichkeit der deutschen Öffentlichkeit wieder zu finden glaubt, dürfte nicht ganz so falsch liegen...... Die Wissenschaftler in dem Häuflein der siebzig - bald nur noch sechzig - basteln derweil an Versuchen zur Rückkehr in die "normale" Welt. Nach fünf Jahren haben sie endlich - durch "Trial and Error" - eine zumindest belastbare Theorie entwickelt, die einen Praxistest rechtfertigt: wenn genug Teilnehmer noch einmal in die Tiefen des CERNs steigen und sich einem Experiment unterwerfen, könnte das in einer Rücktransformation resultieren. Tatsächlich gelingt das Experiment, doch der Protagonist muss zu seinem fatalistischen Entsetzen erkennen, dass ein Rückkehr in die Vergangenheit nicht möglich ist. Wie der "Fliegende Holländer" wird er ewig durch eine erstarrte und ihm fremde Welt reisen müssen, ohne Erlösung. Die Erkenntnis der zeitlosen Zeit hat ihn auf ewig von der Menschheit getrennt. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu wissen, dass "42" im Japanischen dasselbe wie Tod bedeutet. Der Autor erwähnt diese Tatsache an einer Stelle explizit und verweist damit auf das Grundthema des Buches. So lässt sich der Roman durchaus als eine Allegorie auf den Tod auffassen, der die Zeit auf ewig anhält. Wer einmal an diesem Punkt gelandet ist, für den gibt es keine Rückkehr. Vielleicht hat Lehr die "42" jedoch auch aus Douglas Adams Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" entlehnt, wo sie die Antwort auf alle Fragen darstellt......... Lehrs Roman lebt vor allem von der prallen, anspielungsreichen Sprache, seinen reichhaltigen, doch nie aufdringlich bildungsbeflissenen Zitaten und der plastischen Konturierung seiner Personen. Ein Hauch von Melancholie und - für das Alter des Autors erstaunlichen - Abgeklärtheit durchweht das Buch. Am Ende drängt sich die Erkenntnis auf: "Nihil humanum a me alienum puto" Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 3-351-03042-8 erschienen und kostet 22,90 €. Frank Raudszus |