Renate Eder: "Ayse"

Zur Ehe gezwungen - eine Türkin in Deutschland erzählt
 

Das Bauernmädchen Ayse wächst in Ballidere im hintersten Winkel Zentralanatoliens auf. Die Familie lebt äußerst bescheiden in einem windschiefen Lehmhaus, in dem sich fünf bis acht Personen einen Raum teilen. Dort wird gekocht, gegessen und auch geschlafen. Mit knapp sechs Jahren wird Ayse zum Arbeiten angehalten. Sie muss die Ziegen hüten und auch schon mal bei der Tabakernte helfen. Sie geht zwar zur Schule, schafft aber bis zum Alter von zwölf Jahren nur drei Klassen, da sie oft zu Hause helfen muss und dann nicht in die Schule gehen darf.

Im Alter von vierzehn Jahren wird sie mit ihrem Cousin Mustafa verheiratet und zu seiner Familie nach Deutschland geschickt. Hier muss sie einerseits den Kulturschock verkraften und andererseits die üble Behandlung durch ihre Schwiegermutter ertragen, die sie nur als "Nutte" oder "Fettarsch" bezeichnet. Auch ihr junger Ehemann prügelt und vergewaltigt sie regelmäßig und hat nie ein liebevolles Wort für sie übrig. Ayse wird zum Arbeiten in die Fabrik geschickt und muss, wenn sie abends nach Hause kommt, für die Familie das Abendbrot richten, die Wohnung aufräumen und bis spät nachts mit der Schwiegermutter noch Heimarbeit verrichten. Sie kommt keine Nacht auf mehr als vier Stunden Schlaf.

Mit fünfzehn bekommt Ayse ihr erstes Kind und bringt in neunzehn Ehejahren vier Kinder zur Welt. Sie lebt vollständig isoliert und hat nur in der Fabrik Kontakt zu anderen Menschen. Da ihr Mann sie immer brutaler schlägt, hält sie es eines Tages nicht mehr aus und flieht aus dieser freudlosen Umgebung. Sie will sich scheiden lassen, worauf sich ihr Ehemann rächt, indem er zwei ihrer Kinder in die Türkei entführt. Nun beginnt für Ayse die Suche nach den Kindern, die sie erst  nach einem Jahr wieder in die Arme schließen kann. Nun muss sie jedoch für die Schulden ihres Mannes aufkommen, da sie als Ehefrau für ihn mithaftet. Wird sie aus diesem "circulus vitiosus" noch einmal herauskommen? Sie schafft es schließlich, aber es wird noch ein langer Weg voller Leiden.

Erschütternd an diesem Buch ist, dass es hierbei weder um eine Fiktion noch um ein Einzelschicksal geht. Ayse ist eine reale Frau, die genau diese Erlebnisse durchgemacht hat, und die Praxis der Zwangsverheiratung ist unter Türken immer noch gang und gäbe.

Das Buch ist im Blanvalet-Verlag unter der ISBN 3-7645-0211-8 erschienen und kostet 19,90 €.

Barbara Raudszus