Arno Geiger: "Es geht uns gut"

Eine Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts
 

Philipp Erlach hat im Jahr 2001 die alte Villa seiner Großeltern in der Wiener Vorstadt geerbt. Auf dem Dachboden nisten die Tauben, weil ein defektes Fenster über Jahre nicht repariert wurde. Knöcheltief liegt der Taubenkot, und Dutzende von Tauben führen hier inmitten von Maden, Mäusen und Parasiten ein eigenes Leben. Angewidert schließt Philipp schnell die Dachbodentür; er will sich weder mit diesem Dreck noch mit der Vergangenheit der Menschen befassen, die dieses Haus einst bewohnt haben. Sein Interesse gilt mehr seiner Geliebten Johanna, die sich jedoch ihrerseits durchaus an Philipps Familiengeschichte interessiert zeigt. Sie findet Fotos und möchte mehr über die auf ihnen abgebildeten Menschen erfahren. Eine Kanonenkugel auf dem Handlauf des Treppengeländers erweckt ihre Aufmerksamkeit. Als Philipp alles abblockt, wirft sie ihm familiäres Desinteresse vor. Er kontert mit der Feststellung, dass in seiner Familie nie viel geredet worden sei. Mag sein, dass in dieser Familie vieles nicht an- und ausgesprochen wurde, doch je mehr Philipp in die Atmosphäre des alten Hauses eintaucht, desto schärfer treten die Schatten der Vergangenheit hervor. Der Gedanke, dass die Toten uns überdauern, beginnt Gestalt anzunehmen....

Der Roman von Arno Geiger reißt immer wieder Episoden aus der Vergangenheit auf - wie Spotlights, die in den Alltag des Jahres 2001 hineinblitzen, obwohl sie längst vorüber sind. So erleben Philipps Großeltern Alena und Richard 1938 den Einmarsch der Deutschen in Wien. Ihre Tochter Irene ist gerade zur Welt gekommen, Richards Karriere zerstört. Ein anderer Blick geht zurück zum Weißen Sonntag am 8. April im Jahr 1945. Wien ist Frontstadt und der fünfzehnjährige Peter Erlach - Philipps Vater - verteidigt mit vier anderen Hitlerjungen die Stadt gegen die einmarschierenden Russen.

Die Familiengeschichte wird nicht fortlaufend erzählt; geschildert wird jeweils nur ein Tag im Leben der drei Generationen, doch der mit hoher Intensität. Die Handlung springt vom April 2001 zum Mai 1982, dann zurück zum April 2001 und weiter zurück zum August 1938......

Arno Geiger erhielt für seinen Roman den Deutschen Buchpreis 2005. "Ein Roman, der ebenso genau wie leicht vom Gewicht des Lebens spricht" (aus der Begründung der Jury).

Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-20650-7 erschienen und kostet 21,50 €.

Barbara Raudszus