Julia Jusik: "Die Bräute Allahs"

Die erschreckende Geschichte tschetschenischer Selbstmord-Attentäterinnen 
 

Der zunehmende Einsatz von jungen Frauen als Selbstmord-Attentäterinnen im Nahen Osten und in Tschetschenien hat die Weltöffentlichkeit erschreckt, standen doch Frauen bisher immer als Bewahrerinnen und nicht als Zerstörerinnen von Leben. Im palästinensischen Umfeld hat man vor allem den gewaltsamen Tod eines engen Familienmitgliedes als Grund identifiziert, für die tschetschenische Seite dieses Phänomens hat sich die russische Journalistin Julia Jusik - Jahrgang 1984 - interessiert und die Lebensläufe der einzelnen Attentäterinnen recherchiert.

Nach einigen Beispielen für einzeln auftretenden Attentäterinnen, die zum Beispiel den Mord an ihrem Ehemann unter Opferung des eigenen Lebens an den Mördern rächen, kommt sie dann jedoch bald zu dem Komplex des "Nord-Ost"-Kidnapping im Jahre 2002, bei dem eine Gruppe tschetschenischer Rebellen die Besucher einer Moskauer Musical-Aufführung im "Nord-Ost"-Theater als Geiseln nahmen. Nach längeren Verhandlungen mit den Sicherheitskräften stürmten diese das Theater unter Einsatz von Gas, wobei über 150 Menschen starben. Unter den Attentätern befanden sich erstaunlich viele junge Frauen, die von der Presse schnell die Attribute "brutal", "rücksichtslos" und "fanatisch" erhielten. Julia Jusik jedoch hat in Gesprächen mit den Familien der bei der Befreiung umgekommenen Attentäterinnen festgestellt, dass die Wahrheit wesentlich komplizierter und erschreckender ist. 

Die meisten jungen Frauen wurden demnach gezielt und mit skrupellosen Methoden von fanatischen Wahabiten rekrutiert. Dabei setzte man einerseits die Kraft der Religion ein, indem man die jungen Frauen entsprechend unterrichtete und sie für eine "heilige Aufgabe" präparierte. Da das aber noch nicht reichte, um sie freiwillig in den Tod gehen zu lassen, machte man ihnen die Aktion in Moskau als Tat für den Frieden in Tschetschenien klar, die zwar riskant aber nicht unbedingt lebensgefährlich sei. Die umgebundenen Sprengstoffgürtel waren - tatsächlich - nur Attrappen und man kaufte den jungen Mädchen sogar Rückfahrkarten nach Tschetschenien. Weiterhin Ängstliche oder generell skeptische Mädchen wurden kurzerhand mit einem Wahabiten verheiratet, womit diesem das Weisungsrecht über die Frau zustand. Die Zustimmung der Eltern - und das ist das wirklich Erschreckende an dieser Geschichte - holte man durch großzügige Dollarversprechungen ein, das heißt, man kaufte ihnen das Leben der Töchter ab! Das die meisten nach dem Attentat keinen Cent sahen, ist ein weiterer zynischer Aspekt dieses Dramas.

Das Buch liest sich als eine Auflistung von jungen, lebensfrohen und ängstlichen Mädchen, die sich vor den Drohungen der männlichen Attentäter gerade zu solchen Vertrauenspersonen - Eltern und andere Frauen - flüchteten, die in den Rekrutierungsmechanismus aktiv eingebunden waren. Sie hatten keine Chance und gingen angstvoll und doch naiv hoffend in den Tod. Die für die Rekrutierung wichtigen Frauen aus der Führungsriege der Rebellen, die zwecks "Vertrauensbildung" an der Aktion teilnahmen, waren übrigens nicht unter den Toten.....

Julia Jusik legt keinen Wert auf stilistische oder gar literarische Gestaltung des Buches. Nüchtern und sehr sachlich schildert sie die Fakten und legt die Psyche der meist mitschuldigen Eltern und Verwandten bloß, und oft erkennt man zwischen den Zeilen ihr eigenes Entsetzen über den Zynismus und die Skrupellosigkeit der tschetschenischen Rebellen. Auch der politische Hintergrund und die Schuldverteilung zwischen Russen und Tschetschenen steht für sie nicht im Vordergrund, jedoch ohne dass sie daraus eine Apologie der russischen Politik ableitet. Ihr geht es in erster Linie um die jungen Frauen, und mit wenigen Worten zeigt sie die Lebenslust, jugendliche Naivität und das Vertrauen dieser jungen Frauen - manche erst 16 Jahre alt! - in ihre nächsten Verwandten, die sie so bitter enttäuschten. Das Buch räumt mit so manchem Vorurteil über die "fanatischen Frauen" aus Tschetschenien auf!

Das 170 Seiten umfassende Buch ist im Verlag Neue Presse (NP) unter der ISBN 3-85326-373-9 erschienen und kostet 17,90 €.

Frank Raudszus