Joseph Heath/Andrew Potter: "Konsumrebellen"

Der Mythos der Gegenkultur 
 

Mythen - das zeigen ihre antiken Varianten recht deutlich - weisen die Eigenart auf, sich im Laufe ihres Lebenszyklus' zu verselbständigen und zu verfestigen. Das gilt auch für moderne Mythen, denen wir diese Eigenschaft normalerweise nur nicht zuerkennen, da wir sie als solche nicht wahrnehmen. Die Gegenkultur-Bewegung gehört zu den Mythen schaffenden Trends, die sich in das Bewusstsein der Gesellschaft eingefressen haben und sich dort zunehmend einnisten. Auch wenn sie ihr äußeres Erscheinungsbild wechselt, bleibt der Kern ihrer Botschaft doch der gleiche. Angefangen hat es mit der Hippie-Generation der sechziger Jahre, die den Konsum verschmähte und sich einem einfachen Leben nahe der Natur verschrieb. Aus ihrem langsamen Absterben erwuchs die Punk- und Hardrock- Generation, die ihren Protest gegen eine angeblich vermasste Konsumgesellschaft in härteren Formen artikulierte. Wenn schließlich auch diese Bewegung durch eben diese Konsumgesellschaft  "vereinnahmt" worden ist, so besteht doch der unbeirrte Glaube weiter, sich durch Andersartigkeit gegen eben diese wehren zu müssen.

Die beiden kanadischen Autoren Heath und Potter haben jetzt die Gegenkulturbewegungen der letzten vierzig Jahre auf ihre Struktur, Motivationen und Widersprüche hin untersucht. Demnach betrachten die Vertreter dieser Bewegung die moderne Gesellschaft als vom Konformismus geprägt, der alle Menschen auf ein dumpfes Einheitsmaß reduziere. Der unbedingte Wille des Einzelnen, sich der "Masse" anzupassen, werde von Industrie und Medien zynisch ausgenutzt, weil man massenhaft produzierte Waren nur an eine im Gleichschritt marschierende Gesellschaft verkaufen könne. Um sich von diesem Unterdrückungsmechanismus zu befreien, gelte es, sich durch einen radikal nonkonformistischen Lebensstil abzusetzen und dadurch mittel- bis langfristig eine Revolution des Bewusstseins herbeizuführen, das erst ein Leben in Nächstenliebe und Naturnähe erlaube. Die Gegenkulturbewegung sieht auch keinen Sinn in Reformen, da diese ein prinzipiell inakzeptables System nur stabilisieren. Nur Umsturz hilft, nicht die praktische Lösung vorhandener Probleme.

Die Autoren räumen gründlich mit dem elementaren Irrtum des lemminghaften Konformismus' auf. Nicht die Anpassung ist die Motivation für Konsum sondern der Unterscheidungsdrang. Konsumgüter - von den Autoren erweitert "Positionsgüter" genannt - dienen der sozialen Unterscheidung vom Rest der Gesellschaft. Der wesentliche Wert eines Konsumguts liegt demnach im sozialen Unterscheidungswert, nicht im Gebrauchswert. Eine Erkenntnis, die eigentlich nicht neu ist, denn wir kaufen uns den Porsche (oder würden ihn uns kaufen, wenn wir ihn uns leisten könnten) nicht wegen der Überholreserven im Notfall.......

Diese Unterscheidungsfunktion führt jedoch gerade für die Gegenkulturbewegung zu fatalen Folgen. Da sich Hippies wie Punks durch Kleidung und Auftreten radikal von der bürgerlichen Gesellschaft absetzten, wurden sie erst zum Kult und dann zur Modeströmung, bis auch der letzte Kleinbürger sich ihrer Insignien - lange Haare, bunte Umhänge, Stirnband etc. - bediente. Was die Gegenkulturbewegung in ihrer intellektuellen Not als raffinierte und perfide "Vereinnahmung" durch die Industrie brandmarkte, war in Wirklichkeit eine natürliche Folge ihrer Absetzbewegung, der die anderen folgten. Die Verfechter der Gegenkultur erkannten (und erkennen) die grundsätzliche Paradoxie nicht, die darin liegt, dass die erhofften Anhänger die Aura der Einmaligkeit und des Protestes zerstören. Das erinnert ein wenig an Kabarettisten, die ratlos vor der herbeigesehnten Regierung stehen und nun als "Hofnarren" die Opposition beschimpfen müssen. Heath und Potter weisen eindeutig nach, dass eine im reinen Protest verharrende Bewegung ihr Scheitern zwangsläufig als besondere Perfidie der Gegenseite uminterpretieren muss, bis sie sich in einer ausweglosen intellektuellen Sackgasse befindet. Dort kann sie nur noch in unfruchtbarer Isolation verharren oder in Aggression ihren Ausweg suchen.

Die Autoren holen jedoch noch weiter aus bei der Suche nach den Ursachen für die Gegenkulturbewegung und werden unter anderem bei Freud - "Ich, Es, Über-Ich" - und bei Herbert Marcuse fündig. Diese Denker des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts legten unbewusst-bewusst die Grundlagen für die Bewegung, indem sie einen mechanisierte Auffassung der existierenden Gesellschaft mit einer romantisierend irrationalen Utopie konfrontierten. Sah Freud in dem großen Unbewussten die Gefahr für die Psyche des Menschen, so bedrohte für Marcuse die auf Massenproduktion ausgerichtete Industrie das Heil der Menschen. In beiden Fällen jedoch liegen die Ursachen in außermenschlichen Instanzen, so als säße das Unbewusste nicht im Menschen und als seien die Menschen nicht die Teilnehmer am Produktionsprozess. Die - unschuldige und bequeme - Opferrolle ließ sich den Menschen einfacher vermitteln als ihre tägliche aktive Beteiligung an den Zuständen der Welt.

Weiter verweisen die Autoren auf verschiedene zeitgenössische Soziologen und Philosophen - u. a. Baudrillard und Bourdieu -, die das Konsumdenken generell geißeln oder kurzsichtig eine angeblich systemimmanente Überproduktion als Motivation für eine zielgerichtete Anheizung des Konsumdenkens verantwortlich machen. Allen diesen Theorien einer massiven Konsumkritik weisen die Autoren in nüchternem und sachlichem Stil entweder schwere logische Fehler oder falsche - aber nie revidierte - Grundannahmen nach, ohne deswegen das Konsumdenken zu beschönigen. Auch Heath und Potter erkennen die Auswüchse eines überzogenen Konsumdenkens; ihnen geht es jedoch nicht um vorschnelle Schlüsse und publikumswirksame Ideologien oder Utopien, die sie dagegen setzen, sondern um eine rationale Aufdeckung der Grundstrukturen und Hintergründe dieser Entwicklungen.  Dass sie dabei bei fast allen "Gurus" der linken und alternativen Szene einen zunehmenden Realitätsverlust und gravierende logische Fehlschlüsse oder Ignorieren offensichtlicher Tatsachen feststellen, ergibt sich fast zwangsläufig aus ihren Untersuchungen, da die Welt der Gegenkultur erstaunlich hermetisch ist und sich immer wieder auf die selben Vordenker bezieht. Irrtümer werden auf diese Weise weiter gereicht, sofern sie ins ideologische Bild passen, Widersprüche und sperrige Fakten ignoriert oder weginterpretiert. Das eigentliche Paradoxon der Gegenkulturbewegung besteht laut Potter/Heath darin, dass sie gerade durch die permanente Schaffung von Gegenentwürfen den auf "Konsumkonkurrenz" und Unterscheidungsdrang des Einzelnen beruhenden Kapitalismus erst anheizen und stärken. Durch ihr Missverständnis des Kapitalismus-Charakters fördern die Konsumrebellen ihren erklärten Feind.

Nun könnte man die ganze Bewegung von frühen Hippies bis zur sich selbst bewusst vom "Mainstream" absetzenden "NoLogo!"-Vertreterin Naomi Klein als eine pittoreske, unvermeidliche und sogar erfrischende Randstörung der gesellschaftlichen Realität marginalisieren. Doch Potter/Heath verweisen darauf, dass die Gegenkulturbewegung durch ihre strikte Ablehnung und sogar Hintertreibung jeglicher evolutionärer und reformistischer Ansätze die pragmatische Lösung anstehender Probleme in vielen Fällen verzögern oder sogar verhindern. In diesem Sinn verhalten sich die Konsumrebellen eindeutig gesellschaftsschädlich und bewirken in machen Fällen sogar das, was sie verurteilen.

Potter und Heath fügen noch weitere Kapitel über Technik-Beherrschung, Tiefen-Ökologie, postmoderne Heilslehren und die Bedeutung des Tourismus' an, die allesamt lesenswert sind, wenn auch zum Schluss eine gewisse Beliebigkeit festzustellen ist. Diese schadet jedoch dem Gesamteindruck des Buches nicht, der sich vor allem durch die beherzte, offene und vorurteilslose Herangehensweise auszeichnet und auf jegliche ideologische Ausrichtung verzichtet. Darüber hinaus liest sich das Buch aufgrund des frischen, teils sogar humorigen und frechen Stils außerordentlich leicht und unterhaltsam. Wer die gesellschaftlichen Strömungen des letzten Jahrhunderts besser verstehen will, sollte sich dieses Buch unbedingt zueigen machen.

Das über 400 Seiten umfassende Buch ist im Verlag Rogner & Bernhard unter der ISBN 3-8077-1008-6 erschienen und kostet 19,90 €.

Frank Raudszus