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Charles, ein Dubliner Mitte zwanzig, lebt nach dem Ideal eines
Landedelmanns. Dazu verhilft ihm das große alte Haus seiner Eltern, in
dem er nach dem Tod seines Vaters mit seiner jüngeren Schwester Bel lebt.
Seine Mutter, einst Gastgeberin und Mittelpunkt gesellschaftlicher
Ereignisse, weilt zwecks Gin-Entzugs in einer einschlägigen Klinik. Bel
bringt jede Woche eine andere Zufallsbekanntschaft zwielichtiger Herkunft
ins Haus, und die vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg geflohene Mrs. P.
führt den Haushalt. Während Charles die Tage mit "edler
Muße" verbringt und den väterlichen Weinkeller leert, beschleicht
den Leser zunehmend der Eindruck eines auf tönernen Füßen stehenden
Lebens, das früher oder später zusammenbrechen muss. Denn über die
finanzielle Ausstattung der Erben haben selbst die beiden Kinder wenig
Informationen, und die laufend von den Banken einlaufende Post landet im
Küchenschrank, bis es eines Tages kracht.
Als sich herausstellt, dass die Familie mittlerweile hoch verschuldet ist
und das Haus nicht mehr wird halten können, üben sich die Protagonisten dennoch
in nonchalanter Ignoranz und jagen neuen Illusionen nach. Ein fingierter
Selbstmord von Charles scheitert daran, dass sich in dem Turm, der für
seinen "tragischen Tod" explodieren sollte, bereits vor einiger
Zeit die restliche Familie der Haushälterin eingerichtet hat und jetzt zum
Vorschein kommt. Die aus dem - geringfügig wirksamen - Entzug
zurückkehrende Mutter wirft Charles aus dem Haus unter der Forderung,
sich einen Job zu suchen, und eröffnet mit der dilettantisch
schauspielernden Bel ein Privattheater, das zum kulturellen Mittelpunkt
Dublins werden und zahlungskräftige Sponsoren anlocken soll. Stattdessen
quartieren sich jedoch im Nu mehrere parasitäre Schauspieler ein, die
nicht nur die Vorräte schröpfen sondern darüber hinaus kulturpolitische
Reden der bekannten Art halten, die den Frauen imponieren aber wenig
Erkenntniswert bergen. Während Charles bei Bel ehemaligem Liebhaber in
einem Slum-Vorort Dublins lebt und die halbseidene Welt der
Kleinkriminellen kennen lernt, geht das Haus seiner Eltern einem
vorhersehbaren "Showdown" entgegen, den die beiden
Theatermacherinnen beharrlich leugnen.
Bis hierher verfolgt der Roman einen klaren Kurs, der in einer ironischen
Schilderung einer bürgerlichen Gesellschaft besteht, die den Tanz auf dem
Kraterrand probt. Das alte Haus der Hythlodays - so der Name der Familie -
steht für den
überkommenen Bau der Gesellschaft und das Leben der jungen Geschwister
für den sorglose Leichtsinn der nachrückenden Generation gegenüber den
wachsenden finanziellen und sozialen Problemen der Zukunft. So könnte man
jetzt dieses Haus mit seinen illusionären Bewohnern in einen konsequenten
Untergang steuern und damit den Roman in sich schlüssig abschließen.
Paul Murray jedoch dreht stattdessen einige Schleifen, verliert sich in
Detailschilderungen, lässt das Theaterprojekt erst in einen großen
Erfolg münden und dann doch an ganz anderen Gründen sterben. Plötzlich
und unerwartet verleiht er dem Buch einen vordergründig moralischen
Aspekt, der in seiner Plakativität fast ein wenig deplatziert wirkt und
außerdem nicht weiter ausgeführt wird. Handlungsfäden ändern ihre
Richtung plötzlich radikal, ohne dann jedoch konsequent und einleuchtend
zu Ende geführt zu werden. Zwar erfahren die wichtigsten Figuren eine
"Betreuung" bis zum Schluss, aber nicht unbedingt in einem der
anfänglichen oder einer neuen Botschaft des Buches dienlichen Art und
Weise. Zum Schluss weiß der Leser nicht mehr, was der Autor eigentlich
zum Ausdruck bringen will. Geht es ihm um eine ironische Darstellung der
Dubliner - sprich: irischen - Verhältnisse? Warum dann all die Umwege zu
Schluss? Eine allgemeine Abrechnung mit der Gesellschaft scheitert an der
gleichen Unstimmigkeit. Oder will er doch nur unterhalten und eine
sprachlich bessere "Seifenoper" liefern? Dazu liefert er zwar
einige Ingredienzien, aber - ehrlich gesagt - zur "Seifenoper"
hat der Roman denn doch zu viel Gehalt und Witz.
Schade, dass sich ein Roman, der so temporeich und konsequent ironisch
startet, zum Schluss in etwas nebulösen Tiefen vermeintlicher aber
nicht weiter ausgeführter "Schuld und Sühne" verliert.
Das Buch ist im Verlag Antje Kunstmann
unter der ISBN 3-88897-404-6 erschienen und kostet 24,90 €
Frank Raudszus
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