Ljudmila Ulitzkaja: "Die Lügen der Frauen"

Geschichten über unglückliche Frauen
 

Ein Kapitel dieses Buches ist überschrieben: "Die Kunst zu leben". Dies ist der generelle Tenor von Ulitzkajas Geschichten. Es geht darum, wie Frauen mit Schicksalsschlägen umgehen, wie sie sich Geschichten ausdenken, um ihre traurige Realität zu verarbeiten; wie sie mit diesen Geschichten überleben und damit die Realität verdrängen. Shenja ist eine von ihnen. Ihre besondere Gabe besteht darin, gut zuhören zu können, und so kommen viele geplagte Frauen zu ihr, um sich auszuweinen und bei ihr Trost zu finden.

Als Shenja eine Recherche über russische Prostituierte in der Schweiz schreiben soll, kann sie es kaum fassen, dass ihr von verschiedenen Mädchen immer die gleiche Geschichte aufgetischt wird: alle wurden vom Stiefvater missbraucht, von einem Freund in den Westen vermittelt und von Zuhältern ausgenutzt; aber alle haben auch denselben Traum: einen reichen Banker zu heiraten! Die Recherche gerät damit derart klischeehaft, dass Shenjas Auftraggeber daraus einen Hollywoodstreifen drehen will, der vom armen, missbrauchten russischen Mädchen handelt, das schließlich glanzvoll in der Gesellschaft aufsteigt.

Bei aller Tragik der Einzelschicksale mischt Ulitzkaja doch immer eine gehörige Portion Humor in ihre Erzählungen, und so erträgt der Leser die kleinen und großen Tragödien der liebenden, schwachen Frauen mit einem verständnisvollen Schmunzeln. Außerdem sind die Geschichten auch sprachlich ein Genuss.

Das Buch ist im  Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) unter der ISBN 3-423-13372-4 erschienen und kostet 8,50 €

Barbara Raudszus