Daniel
Kehlmann (30) war hier bereits mit seinem Roman "Ich
und Kaminski" Gegenstand der Betrachtungen. Sein neues Buch hat
schnell den Weg an die Spitze der Bestsellerlisten geschafft und darf
daher in diesem Umfeld nicht fehlen.
Kehlmann schaut zurück ins frühe 19. Jahrhundert. Die Dampfmaschine ist
noch nicht erfunden worden und damit steht auch noch die industrielle
Revolution in den Startblöcken. Doch das Zeitalter der Aufklärung und
nicht zuletzt die französische Revolution haben die Köpfe der Menschen
befreit vom Dunst der "Handwerks- und Gewerbesbanden", man denkt
neu über die Natur nach und begegnet der Umwelt mit offenen, vom -
religiösen - Vorurteil befreiten Augen. In diese Zeit wachsen zwei
Männer hinein, die für den Autor exemplarische Charakterzüge aufweisen.
Alexander von Humboldt wird schon früh zum gebildeten Menschen mit hohem
Leistungsanspruch erzogen. Die dauernde Rivalität zwischen ihm und seinem
Bruder Wilhelm treibt die beiden Brüder permanent an und zwingt sie damit
förmlich zu Höchstleistungen. Alexander beschließt eines Tages, die
Welt zu erkunden, von deren Entdeckung durch spanische und englische
Seefahrer er gelesen hat. Zusammen mit dem gestrandeten Franzosen
Bonpland begibt er sich per Schiff nach Mittelamerika, um dort Flora und
Fauna zu untersuchen. Zur gleichen Zeit wächst der Gärtnersohn Carl
Friedrich Gauß in bescheidenen Verhältnissen auf, doch bald schon fallen
ihm die Pausen auf, die andere Menschen machen, wenn sie etwas erklären
wollen. In der Grundschule verblüfft er den Lehrer mit einer Formel für
die Summierung natürlicher Zahlen, so dass dieser - obwohl der
Unbotmäßigkeit üblicherweise mit Prügel begegnend - sofort die
mathematische Begabung erkennt und ihn mit weiter führender
mathematischer Lektüre versorgt. Als der kleine Gauß das Mathematikbuch
bereits nach einem Tage - gelesen und verstanden - zurückbringt, sorgt
der Lehrer für eine angemessene Ausbildung, die er selbst nicht mehr
sicher stellen kann. So steigt Gauß schnell die wissenschaftlicher Leiter
empor, obwohl er sich auch dort Standesdünkel und anderen Widerständen
gegenüber sieht. Doch sein Intellekt ist - zumindest hinsichtlich
mathematischer Probleme - derart geschärft, dass kein Zeitgenosse ihm das
Wasser reichen kann. Bald schon zieht es ihn zur Astronomie und
"nebenbei" stellt er die Bewegungsgleichungen für die Planeten
auf.
Kehlmann schildert das wissenschaftliche Leben der beiden - und auch das
private, sofern es überhaupt eines gibt, in einem steten Wechsel der
Kapitel. Dabei zieht ihn auch die "orthogonale" Lebensweise der
beiden Wissenschaftler an. Humboldt zieht früh hinaus in die Welt und
würde am liebsten für immer dort bleiben, neue Kontinente und
Länder erkunden und Exemplare der jeweiligen Flora und auch Fauna
sammeln. Gauß sitzt am liebsten daheim in Göttingen, er hasst die
Abwesenheit von zu Hause, verliert eine Frau, heiratet eine neue,
ungeliebte, und muss sich mit den begrenzten Geistesgaben der gemeinsamen
Kinder arrangieren. Er leitet die Vermessung ganz Norddeutschlands, eine
unscheinbare, aber richtungsweisende Tat, während Humboldt Ähnliches an
den Bergen und Flüssen Südamerikas leistet und einen permanenten
Arbeitsdruck auf seinen Gefährten Bonpland ausübt. Im hohen Alter
schließlich treffen die beiden zusammen, leiten gemeinsame Unternehmungen
ein und sind doch zu sehr eigenbrötlerische Egozentriker, um noch Freunde
zu werden.
Kehlmanns Leistung liegt weniger in seiner
schriftstellerischen Kreativität - schließlich geht es hier um die
dokumentierten Lebensläufe historischer Personen - als vielmehr in der
einfühlsamen und packenden Schilderungen zweier Ausnahmepersönlichkeiten
am Vorabend der industriellen Neuzeit. Einmal sieht Gauß in einem Traum
blinkende Objekte in gerader Linie den Himmel durchqueren, Türme aus Glas
zwischen Hütten aufragen und metallene Kapseln sich auf Wegen stauen. Wir
buchen diese Traumerzählungen auf das Konto "poetische Lizenz"
des Autors, da wir nicht annehmen, dass er sie aus erster Hand hat. In
Kehlmanns Sprache werden Humboldt und Gauß als Vertreter ihrer Zeit und
gleichzeitig einer neuen Generation von Wissenschaftlern lebendig und
verraten uns viel über die geistigen Strömungen und Umbrüche dieser
Epoche. Auch der Altmeister aus Weimar kommt zu Worte, allerdings nur mit
falschen Annahmen und gewagten Theorien über das Wesen der Erde, die
Humboldt im Laufe seiner Reisen eindeutig widerlegen wird. Aber das kennen
wir ja auch von der Farbenlehre, Goethes liebstem doch deswegen nicht am
besten geratenem Geisteskind.
Erstaunlich auch die Altersweisheit und
der Alterstarrsinn, die der dreißigjährige Kehlmann seinen mittlerweile
gehbehinderten Protagonisten am Ende ins Stammbuch schreibt. Die wirken so
glaubwürdig und überzeugend, dass man meinen könnte, Kehlmann habe die
beiden am Ende ihres Lebens noch selbst kennen gelernt. Übrigens: lernen.
Man lernt bei der Lektüre dieses Buches auch Einiges über Mathematik,
Geographie und Geologie, und das in einer für die meisten Leser
verständlichen Form. Bei den von Gauß ins Spiel gebrachten
Kugelfunktionen jedoch scheiden sich dann die Geister.....
Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN
3-498-03528-2 erschienen und kostet 19,90 €
Frank Raudszus