John Irving: "Bis ich dich finde"

Roman über eine lebenslange Suche
 

Alices Sohn Jack kommt unehelich zur Welt. Die ersten vier Lebensjahre verbringt er mit seiner Mutter auf der Suche nach seinem Vater. Jacks Mutter ist Tätowiererin. Sie findet überall Kundschaft und kann so den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn recht und schlecht verdienen. Jacks Vater - begnadet im Orgelspiel und ebenso im Liebespiel - zieht eine breite Spur an verlassenen Frauen hinter sich her, und so erfährt Alice immer, wo er gerade weilt. Von Schweden reist sie ihm nach Norwegen, von dort nach Finnland hinterher. Aber immer ist der Frauenheld gerade wieder weiter gezogen. Alice wird mit der Zeit immer verbitterter. Doch das Tätowieren lenkt sie ab, und fürs Bett findet sie immer jemanden. Der kleine Jack passt sich an die ständig wechselnden Situationen gut an. Seine Mutter meint, das er schon immer ein Schauspieler gewesen sei; nur in den wenigen Augenblicken, in denen er nach ihrer Hand greift, um sich dort festzuhalten, wirkt er ehrlich.

Als Jack fünf Jahre alt ist, wird er in Toronto in die Mädchenschule St. Hilda eingeschult, weil seine Mutter meint, dort sei er sicher. Bei all den Mädchen werden nur wenige Buben in St. Hilda aufgenommen, und sie dürfen nur die ersten vier Klassen besuchen. Emma aus der sechsten Klasse wird seine Betreuerin. Sie interessiert sich schon früh für Jacks Geschlechtsteil und klärt den Kleinen darüber auf, dass er eines Morgens aufwachen und in seinem Bett eine "Schweinerei" vorfinden werde. Abends schickt sie den Jungen ins Bett mit der Bemerkung: "Träum' einen feuchten Traum von mir, mein Kleiner". Jack kann mit all dem nichts anfangen, aber die vier Jahre in St. Hilda und Emmas unermüdliches Beobachten und Animieren seines Geschlechtsteils sind für den Jungen Jahre der Initiation.

In St. Hilda steht Jack mehrfach in Stücken des Schultheaters auf der Bühne. Da er zart und hübsch ist, darf er immer weibliche Rollen spielen und sogar eine Menstruation simulieren. Mit zehn Jahren kommt er in das Jungen-Internat Redding. Dort geht seine Initiation weiter. Er sammelt Erfahrungen im Umgang mit Jungen, aber immer wieder fühlen sich die Frauen von ihm angezogen, besonders seine Lehrerinnen. Jack muss während seiner Schulzeit viele Rollen spielen, und so ist es schließlich nicht erstaunlich, dass ihn die Schauspielerei fasziniert; besonders die Transvestitenrollen haben es ihm angetan. Er schafft es in Hollywood bis ganz nach oben. Dann jedoch begibt er sich ganz allein auf die Suche nach seinem Vater.

Der Roman schildert die Suche des Protagonisten nach sich selbst. Um glücklich zu werden, muss Jack seinen Vater finden, den er nie kennengelernt hat. Jeder Erfolg wird überschattet von dem ganz ursprünglichen Bedürfnis, die eigenen Wurzeln aufzuspüren. Irving ist es gelungen, diese zutiefst menschliche Sehnsucht in einen ansprechenden Roman zu verpacken. Für Jack ist es eine lange Suche, für den Leser sind es über tausend Seiten, die sich zuweilen doch etwas zäh und langatmig lesen. Doch das Ende des Romans stimmt versöhnlich. Die vielen Handlungsstränge bündeln sich zu einem Ziel und der Leser wird schließlich für seine Durchhaltevermögen belohnt.

Das Buch ist im  Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-06522-1 erschienen und kostet 24,90 €

Barbara Raudszus