Gerhard Staguhn: "Warum die Menschen keinen Frieden halten"

Eine fassliche Einführung in das (Un-)Wesen des Krieges
 

"Der Krieg ist der Vater aller Dinge" - heißt ein so bitteres wie wahres Sprichwort. Der Krieg hat seit Anbeginn der Menschheit immer wieder den Fortschritt vorangetrieben, obwohl er im tiefsten Wesen menschenfeindlich ist und als unerbittlicher Kampf gegen seinesgleichen im Tierreich keine Entsprechung findet.  Gerhard Staguhn hat dieses auf die Gattung Mensch beschränkte Phänomen jetzt im Rahmen eines Jugendbuches untersucht und präsentiert die Ergebnisse nicht nur dieser Zielgruppe in einer spannenden, leicht verständlichen, aber deswegen keineswegs trivialen Form und mit unübersehbar aufklärerischer Absicht. 

Staguhn beginnt mit der langen Geschichte der tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Menschen und stellt die provokative Frage nach der Naturgesetzlichkeit dieses Verhaltens. Dabei verweist er auf die Regelungen im Tierreich, wo Unterwerfungsgesten und ähnliche Mechanismen die Vernichtung des unterlegenen Gegners und damit letztlich der gesamten Art verhindern. Der Autor stellt einige Theorien dazu vor, so den (Sozial-)Darwinismus und neuere Thesen zur genetischen Fixierung des kriegerischen Verhaltens, und stellt klar, dass das gegenseitige Fressen der Tiere nicht dem Krieg gleichzusetzen ist sondern der Ernährung dient. Krieg unter Menschen jedoch scheint keinem anderen Zweck als dem der Machterweiterung zu dienen.

Ein Kapital widmet der Autor der Theorie des Krieges mit einer kritischen "Würdigung" Clausewitz' ("Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln"), ein anderes den Religionskriegen. In diesem Zusammenhang geht er eingehend auf den Dreißigjährigen Krieg ein. Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Ausführungen über den Krieg liegt für den Autor in der Kolonisierung der Welt durch die europäischen Mächte im 18. und 19. Jahrhundert. Die daraus entstehenden - rassistisch gefärbten - Kolonialkriege gegen die unterdrückten Völker sowie die Kriege um die Kolonien zwischen den Kolonialmächten münden schließlich in den Ersten Weltkrieg, dessen Entstehung er aus der allgemeinen imperialistischen und nationalistischen Tendenz des frühen 20. Jahrhunderts ableitet: "Rache für Sedan"-Denken der Franzosen, Großmachtsträume und Nibelungentreue der Deutschen, ohnmächtiges Besitzstandsdenken der "k.u.k."-Monarchie, aggressiver Panslawismus der Russen sowie die Angst der Engländer um ihre weltweite Vormachtstellung. Die Kriegsschuldfrage reißt er nur an, jedoch nicht, ohne dem wilhelminischen Reich einen gehörigen Anteil zuzuschlagen.

Aus dem Ersten ergibt sich dann folgerichtig der Zweite Weltkrieg ("Rache für Versailles"), und es folgen die Kriege der zweigeteilten Nachkriegswelt, vor allem die nachkolonialen Bürgerkriege in Afrika. Dem Terrorismus à la Al Quaida im Irak und in Afghanistan und ihren Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung des Weltfriedens widmet Staguhn ein eigenes, längeres Kapitel, wobei er eindringlich auf den destabilisierenden Einfluss auf Demokratie und zwischenstaatliches Verhältnis hinweist. Das abschließende Kapitel befasst sich mit sogenannten "nicht-tödlichen" Waffen und dem Euphemismus, der diesem Begriff innewohnt.

Das Buch eignet sich nicht nur für Jugendliche als ernsthafte und verantwortungsvolle Einstiegslektüre in dieses Thema, sondern auch für Erwachsene aller Altersklasse, die entweder der Faszination des Krieges ("Action"!) erliegen oder sich bisher nicht näher mit dem Thema beschäftigt haben. Die verständliche und doch nie über Gebühr vereinfachende oder gar beschönigende Sprache kommt dabei auch Lesern mit wenig Übung in wissenschaftlicher Fachliteratur entgegen.

Das Buch ist im  Hanser-Verlag unter der ISBN 3-257-06522-1 erschienen und kostet 16,90 €

Barbara Raudszus