Bernhard Schlink: "Die Heimkehr"

Ein Mann auf der Suche nach dem Vater
 

Weitere Bücher dieses Autors:

Der Vorleser

Vergewisserungen

 

Wie schon in John Irvings "Bis ich Dich finde" geht es auch in Bernhard Schlinks Roman "Die Heimkehr" um die Suche nach dem Vater. In beiden Fällen leiden die Protagonisten unsäglich darunter, dass ihre Väter sie verlassen haben. Die Triebfeder all ihres Handelns, ihre Unfähigkeit, sich zu binden, liegt ursächlich in diesem frühen Verlust begründet. Alle Gedanken kreisen ständig um die Person des verlorenen Vaters, seine vermuteten Eigenschaften, sein jetziges Leben und darum, ob er wohl um die Existenz seines Sohnes weiß; ob er diesen vermisst und wie es wohl sein würde, dem Vater gegenüber zu treten. Ein normales Leben scheint erst nach der Begegnung mit dem vermissten Vater möglich .

Der Ich-Erzähler in Schlinks Roman verbringt als Kind die Ferien bei den Großeltern in der Schweiz. Es sind nette Großeltern. Sie nehmen den Jungen gern bei sich auf, und der Großvater weiß viele spannende Heimkehrergeschichten zu erzählen. Bei dem Jungen hinterlassen diese Besuche prägende Eindrücke. Er nimmt  Sommergerüche wie den bitteren Geruch des sommerwarmen Buchses oder den fauligen Geruch des Komposts wahr, Sommergeräusche wie wie das Knirschen des Kieses, der Klang der Hacke oder des Rechens bei der Gartenarbeit bleiben für ihn unvergesslich. Oft geht er an der Hand des Großvaters auf Entdeckungstour oder fährt mit ihm Boot auf dem nahe gelegenen See. Hier erfährt der Junge eine Geborgenheit, die er bei seiner allein erziehenden Mutter so nicht erlebt. 

Obwohl die Großeltern die Eltern seines Vaters sind, erfährt er nicht viel über ihn, außer, dass er im Krieg gefallen ist und dass seine Augen den gleichen schrägen Schnitt wie die seines Vaters hatten. Abends, wenn der Junge im Bett liegt, redigieren die Großeltern "Romane zur Freude und zur Unterhaltung". Die unbedruckten Seiten darf der Junge als Schmierpapier mit nach Hause nahmen. Bedruckte Seiten soll er nicht lesen, da es bessere Literatur gibt. Jahrelang hält er sich an die Vorgaben, bis er eines Tages doch in den Druckfahnen schmökert und auf eine Geschichte stößt, in der ein deutscher Soldat aus russischer Kriegsgefangenschaft flieht, viele Gefahren überstehen muss und schließlich zu Hause ankommt. Seine Frau steht mit zwei Kleinkindern auf dem Arm und an der Hand vor ihm, und von hinten legt ihr neuer Mann den Arm um sie. Hier endet der Romanausschnitt.

Doch dieses unvollständige Ende der Geschichte wirkt bei dem Ich-Erzähler als Auslöser. Neben seinem normalen Leben als Student und später als Lektor in einem Verlag begibt er sich auf die Suche nach der Fortsetzung dieser Geschichte, die ihn nicht mehr loslässt. Irgendetwas treibt ihn an, weitere Nachforschungen anzustellen, und die Suche nach dem Romanhelden besetzt mehr und mehr sein Denken.

Bernhard Schlink versteht wunderbar zu erzählen. Seine Prosa ist ein sprachlicher Genuss. Doch was ihn besonders auszeichnet, ist die gekonnte Verschränkung von Handlung und Gedankenwelt. Die Suche nach dem Romanhelden ist gleichzeitig die Suche nach seinem Vater und eigentlich nach seiner eigenen Identität.

Das Buch ist im  Diogenes-Verlag  unter der ISBN 3-257-06510-8 erschienen und kostet 19,90 €

Barbara Raudszus