Hwang Sok-yong: "Die Geschichte des Herrn Han"

Eine leidvolle koreanische Biographie
 

"Die Geschichte des Herrn Han" gilt als eine der bedeutendsten koreanischen Romane des 20. Jahrhunderts. Erzählt wird das ergreifende Schicksal eines koreanischen Arztes. Der Leser lernt Herrn Han als alten Menschen kennen, der mit nichts als einem zerbeulten Koffer ein Zimmer in einem Haus bezieht. Das Gebäude gehörte während der Kolonialzeit einem Japaner und hat schon bessere Zeiten gesehen. Nun wohnen dort vier Familien und Herrn Han. Die heruntergezogenen Mundwinkel des neuen Mieters lassen auf einen schwermütigen Charakter schließen. Er nimmt keinen Kontakt zu den anderen Mietern auf und trifft sich nicht mit den anderen Alten aus der Nachbarschaft. Stattdessen spaziert er mitten in der Nacht im Garten herum, da er offensichtlich unter Schlaflosigkeit leidet. Er besitzt nur wenig Geld und nimmt bald eine Stelle als Leichenwäscher an, um etwas dazu zu verdienen. In seiner Freizeit sitzt er draußen herum und starrt mit leeren Augen auf die Vorübergehenden.

Eines Tages fällt Herr Han in seinem Zimmer um, und als die Nachbarn nach ihm sehen, ist er bereits ganz steif und hat Schaum vor dem Mund. Hans Arbeitskollege, der Sargtischler, wird gerufen, da er der einzige ist, zu dem Han Kontakt hatte. Bei dem Todkranken findet man ein Notizbuch mit Adressen, und da er offensichtlich im Sterben liegt, benachrichtigen die Nachbarn seine Verwandten. Bald darauf treffen ein älterer Mann in einem eleganten Anzug, eine Frau von etwa fünfzig Jahren und eine junge Frau ein, die gemeinsam die Totenwache im allerengsten Kreis halten.

Die Nachbarn hören die Verwandten mit nordkoreanischem Akzent sprechen. Nach und nach kommt heraus, dass Herr Han aus Pjöngjang stammt, wo er als Gynäkologe in einer Klinik gearbeitet hat. Eines Tages standen dort sowjetische Militärlastwagen, und Herr Han ahnte, dass neue Aufgaben auf die Klinikärzte warteten. Der Koreakrieg hatte begonnen. Pjöngjang wurde völlig zerstört und mit ihr die Klinik, in der Herr Han arbeitete. Wenig später wurde die zerstörte Klinik in "Volkskrankenhaus" umbenannt, und die fortwährenden Bombenangriffe der Amerikaner sowie Epedemien ließen die Zahl der Patienten stetig wachsen. Han musste zusammen mit einem Kollegen an die tausend Patienten versorgen, und die beiden hatten so viel zu tun, dass sie manchmal tagelang nicht miteinander sprechen konnten. Eines Tages entnahm Han Betäubungsmittel und Instrumente, die nur für Parteifunktionäre reserviert waren, um ein junges Mädchen zu retten. Daraufhin wurde er verhaftet und zum Tod durch Erschießen verurteilt. Doch der Zufall wollte, dass er überlebte und fliehen konnte. Doch, wenn man nun liest, wie es mit ihm weiter ging, kommt man zu dem Schluss, dass der Tod eine Gnade für ihn gewesen wäre. Er ist nur ein einfacher Arzt, der immer wieder vielen Menschen das Leben gerettet hat, aber das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm. Immer wieder geriet er zwischen die politischen Fronten musste unverschuldet ein entsetzliches Schicksal erleiden.

Hwang Sok-yong hat mit diesem Roman eine ergreifende (nord-)koreanische Biographie verfasst und gleichzeitig die Teilung Koreas mit all ihren üblen Folgen für die Menschen drastisch beschrieben. 

Das Buch ist im  Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) unter der ISBN 3-423-24488-7 erschienen und kostet 12 €

Barbara Raudszus