Peter Härtling: "Hoffmann oder die vielfältige Liebe"

Irrungen und Wirrungen eines künstlerischen Multitalents
 

Peter Härtling hat sich als Biograph großer Künstlerpersönlichkeiten - Schubert, Schumann und Hölderlin - einen Namen gemacht. Vor einigen Jahren hat er sich dann Ernst Theodor Amadeus (E.T.A.) Hoffmann gewidmet, einem Künstler, der sich abwechselnd oder gleichzeitig als Maler, Komponist, Dirigent und Schriftsteller betätigte und es in all diesen Professionen durchaus zu einem gewissen Nachruf gebracht hat. Von Zeit zu Zeit erscheint eine seiner Komposition im Radioprogramm und seine Bücher  - z. B. "Der Sandmann" - gehören noch heute zum Bildungskanon der Gymnasien, während seine bildnerischen Werke noch einer Ausstellung harren. 

Natürlich sieht sich Härtling nicht als detailversessener Biograph, der den Lebens- und Werkverlauf mehr oder minder vollständig und korrekt wiedergibt. Er sieht immer hinter die Fassade des Künstlerlebens und versucht, psychische Strukturen, Brüche und vor allem die vom Normalmaß abweichenden Besonderheiten seiner "Objekte" nachzuzeichnen. Dabei nehmen seine Biographien den Charakter eines Romans an, da er sich erlaubt, Vermutungen über Befindlichkeiten und Gedanken seiner Protagonisten anzustellen, die nur durch karge Indizien abgesichert sind.  Doch gerade das macht den literarischen Wert seiner Biographien aus, und erst diese Nachdichtung eines Lebens lässt den Menschen dahinter für den nachgeborenen Leser lebendig werden.

Bei E.T.A. Hoffmann interessiert ihn im Wesentlichen sein Aufenthalt in Bamberg, wo er die noch halbwüchsige, bildhübsche Julia als Gesangsschülerin kennen und lieben lernte. Ein Erfolg war ihm wegen seines Ehestands, seiner geringen gesellschaftlichen Stellung - er schlug sich mit Musikstunden durch - und seines eher grotesken Äußeren nicht beschieden. Als Einleitung schildert Härtling Hoffmanns Weg über eine Beamtenstellung - ohne Bezug zu den schönen Künsten - in Warschau, die er wegen Napoleons Einzug verlor, die ihm aber immerhin die Ehe mit der äußerst duldsamen und stets verzeihenden Mischa einbrachte, und die demütigende Zeit des Antichambrierens in Berlin, wo er weder als Beamter noch als Künstler wirklich reussieren konnte und sich die Zeit mit halbherzigen Liebschaften und dem Trinken vertrieb. Erst in Bamberg erlebte er - obwohl das Ziel einer Festanstellung als musikalischer Direktor des Theaters sich auch bald als bloße Hoffnung herausstellte - in gewisser Hinsicht  den Höhepunkt seines Lebens in Gestalt der Liebe zur jungen Julia, die für ihn zu einer Art "amour fou" wurde und ihn zu Peinlichkeiten aller Art bis zur finalen Lächerlichkeit führte. Doch diese Liebe zu Julia stellt sich bei Härtling als eine Art Ventil für seinen von Einbildungskraft und Kreativität übervollen Kopf heraus. So wie er für jede Lebenslage sofort eine künstlerische Antwort fand - Novelle, Portrait oder Sonate - so ließ er sich auch sofort von dem jugendlichen Schmelz der Halbwüchsigen hinreißen und achtete weder der verständnisvoll-tadelnden Vorhaltungen seiner Ehefrau noch mehr oder minder dezenter Hinweise seiner Umgebung. Seine Liebe musste "raus" und wenn es ihn die Achtung der gesamten Bamberger Bürgertums kostete, was dann nach dem Eklat bei der Hochzeit Julias seltsamerweise nur in geringem Maße geschah. Man erkennt in diesem überspannten Hoffmann ein wenig den Mozart der "Bäsle-Briefe" wieder, der seinen inneren Kreativitätsüberschuss in Albernheiten und "Schweinigeleien" kompensierte. Härtling schildert diesen - vor allem in intimen Situationen - "ewig zappelnden" Künstler fast liebevoll nach und weckt beim Leser viel Verständnis für dessen Psyche, das jedoch nie in falsches Mitleid ausartet sondern eher in eine gewisse Hochachtung für seine innere Konsequenz mündet.

Das Buch ist im  Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) unter der ISBN 3-423-13433-X erschienen und kostet 9,50 €

Frank Raudszus