| John Updike: "Landleben" |
| Ein melancholischer Rückblick auf Beziehungen, Berufe und Belehrungen | |
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Der Protagonist Owen ist seit 25 Jahren mit Julia verheiratet und pflegt als über Siebzigjähriger seinen Ruhestand und seine späten Hobbys. Wenn er morgens aufwacht, laufen die Bilder seines Lebens und seiner Frauen durch seine versiegenden Träume und vermischen sich mit den Geräuschen und Bildern des erwachenden Tages. Wie in diesem Alter üblich, tritt dabei auch die eigene Jugend noch einmal mit fotografischer Schärfe in den Vordergrund. Owen wächst in kleinen Verhältnissen auf dem Lande auf. Sein Vater muss ewig um den Job in der Textilfabrik fürchten und verliert ihn schließlich auch, er selbst steht als Einzelkind unter der fürsorglichen Überwachung von Großeltern und Eltern, so dass sich seine eigen Sozialisation schwierig gestaltet. Seine ersten erotischen Ausflüge lassen sich eher schwierig und ungelenk an und leiden überdies unter der moralischen Enge der späten vierziger Jahre. Als Stipendiat kommt er ans MIT in Boston - heute in diesen Kreisen kaum noch denkbar - und erhält dort Zugang zu den Anfängen der Informationstechnik sowie zu einer etwas älteren Studentin, deren Weltläufigkeit und Intelligenz er bewundert. Satt heißer Liebe entwickelt sich daraus eine enge Verbundenheit, und die Verlobung geht auch eher auf Phyllis' Konto als dass sie seiner Initiative entspringt. Die distinguierten Eltern seiner Braut stehen ihm wegen seiner einfachen Herkunft reserviert gegenüber - besonders der intellektuelle Harvard-Professor lässt ihn unterschwellig seine Skepsis spüren -, so dass er freiwillig-unfreiwillg in die Rolle eines "Prinzgemahls" gerät. Wie die fünfziger Jahre es vorschreiben, folgen der Verheiratung bald Kinder, und die wesentlich begabtere Mathematikstudentin Phyllis verfolgt ihre beruflichen Pläne nicht mehr sondern widmet sich den in regelmäßiger Folge auf die Welt kommenden Kindern. Owen selbst arbeitet erst bei IBM und gründet dann mit einem Freund eine eigene Software-Firma, die sich wegen der geringeren Kosten in einer Kleinstadt Connecticuts angesiedelt. Damit ist das Feld für das weitere Leben bereitet: Der Mann als Ernährer und Firmeninhaber, die Frau als Mutter und Hausfrau. Den täglichen Trott unterbrechen nur die vielfältigen Einladungen im Bekanntenkreis, die bald auch zu engeren Bekanntschaften führen. Auch in den anderen Familien ist der Alltagstrott eingezogen, und bald schon entdeckt man Frauen, deren Männer dem Alkohol mehr als zuträglich zusprechen oder die andere persönliche Macken entwickeln. Ihre Frauen zeigen erste Zeichen von Kleinstadtfrust und Owen bietet sich bald - wieder eher passiv getrieben als aktiv treibend - als Alternative an. Nicht dass er einem Seitensprung abgeneigt wäre, aber seine Erziehung und sein gesamter Bildungshintergrund bilden - noch - eine Hürde. Doch unterschwellig leidet er unter der intellektuellen Überlegenheit seiner Frau, obwohl sie diese nie zeigt. Gerade ihre gesellschaftliche Distanz zu dem "Ringelreihen" der Gesellschaft verschafft ihr zwar Respekt, aber keine Sympathie. Einmal charakterisiert Updike diese Haltung mit der Bemerkung (dem Sinne nach): "Wenn Gastgeber merken, dass Neuankömmlinge in der Stadt nicht trinken und den gängigen Klatsch nicht kennen, laden sie diese nicht ein zweites Mal ein". Dahinter steckt die Angst vor einer eventuell höheren moralischen Integrität dieser Gäste und das schlechte Gewissen, das sie dem eigenen Ego bereiten. Wie nicht anders zu erwarten, finden Owens heimliche erotischen Wünsche - seine Frau ist nicht gerade leidenschaftlich -, seine unterschwelligen Befreiungsversuche von seiner Frau und die Suche anderer Frauen nach Alternativen bald zueinander. Auf diese Weise entwickelt sich eine Geschichte der Seitensprünge, die selbst schon wieder bürgerliche Züge annehmen, auch wenn Orte und Umstände der außerehelichen Aktivitäten zeitweise unkonventionell bis peinlich anmuten. So wie die Beziehungen beginnen, enden sie auch: meist undramatisch, jedoch nicht ohne Verletzungen für einen der beiden oder für die hintergangenen Partner. Man arrangiert sich wieder, lebt weiter zusammen, die gesellschaftlichen Beziehungen erfahren punktuelle Brüche und führen zu Umzügen, aber weiter geschieht nichts Weltbewegendes. Das Kleinstadt-Biotop bleibt mehr oder minder stabil. Doch als dann Owen ausgerechnet die Frau des neuen Geistlichen kennen lernt, brechen alle Dämme und die Trennung ist nur noch eine Frage der finanziellen Regelung. Spät, erst nachdem die Würfel gefallen sind, finden Owen und Phyllis zu einer letzten Aussprache, die vieles bisher Ungesagte auf den Tisch bringt und noch einmal eine Wende zu ermöglichen scheint. Doch der Zufall schlägt grausam zu und hinterlässt einen bis zu seinem Lebensende mit Schuldgefühlen beladenen Owen. Zwar richtet er sich im neuen Leben wieder ein, doch die Vergangenheit wird er nie abschütteln können. Parallel zu diesen persönlichen Verhältnissen beschreibt Updike anhand von Owens Firma den Aufstieg der Informationsbranche. Von den frühen Tagen der maschinennahen Programmierung unförmiger Elektronikschränke über die Entstehung einer Computer-Industrie mit Standard-Hardware - IBM 360/xxx u. .a. - und über die UNIX-Ära bis hin zu der heutigen Windows-Welt schildert er die einzelnen Entwicklungsschritte und Technologiesprünge mit viel Sachverstand und ohne vereinfachende Ressentiments. Updike tritt hier weder als "Bilderstürmer" des Informationszeitalters noch als begeisterter Fortschrittsgläubiger auf, sondern betätigt sich eher als Chronist einer faszinierenden Entwicklung. Dennoch verfällt auch er dabei der typischen Tendenz älterer Fachleute, das nahende Ende der eigenen Lebenslaufbahn mit dem Ende der - spannenden, innovativen, zukunftsgerichteten - allgemeinen Entwicklung gleichzusetzen. Zwar schimmert dieser Abgesang auf die - hier technische - Welt nur durch, aber ist dennoch nicht zu übersehen. Aber diese Sicht teilt er mit Generationen herausragender Personen aller Fachrichtungen vor ihm, die auch gerne mit ihrem eigenen Ende das Ende der Welt prophezeit haben. Und sie bewegt sich doch - weiter! Doch stellt diese technische Parallelhaltung nur einen Seitenzweig dar. Im Wesentlichen geht es Updike um seine Suche zu sich selbst und um sein Verhältnis zum anderen Geschlecht, wobei die Sexualität natürlich eine zentrale Rolle spielt. Aber selbst seine deutlichsten Beschreibungen der "Interaktionen" wirken nie pornographisch sonder als Versuch, dem Wesen der Sexualität auf die Spur zu kommen, ihren Grund zu erforschen. Was treibt Männer und Frauen zusammen und wieder auseinander, wie sind die Rollen verteilt, was erwarten beide voneinander und von der Sexualität? Sein Protagonist sieht sich am Schluss als jemand, der meist die Initiative aus der Hand gegeben hat und Dinge mit sich geschehen ließ. Jetzt, da er alt geworden ist und den Lauf der Dinge erkannt hat, braucht er keine Initiative mehr zu ergreifen. Dabei geht es ihm nicht um Reue oder Bedauern, vielmehr um den Wert der intellektuellen Erkenntnis der Eigenarten menschlicher Beziehungen, und da ist die Geschlechtlichkeit nun einmal die stärkste und wirkungsmächtigste. Trotz aller Introvertiertheit und Distanz wirkt das Buch nie langweilig oder gar belehrend, sondern bietet sogar ein erstaunlich hohes Maß an untergründigem Humor und Selbstironie. Gerade älteren Lesern dürfte es viel Schmunzeln und Kopfnicken entlocken, aber auch jüngere sollte es nicht langweilen. Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-498-06883-7 erschienen und kostet 19,90 € Frank Raudszus |