Juri Andruchowytsch: "12 Ringe"

                                                                    
Ein kafkaesker Roman aus der heutigen Ukraine
 

Die heutige Ukraine hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Ein Teil gehörte über Jahrhunderte zum zaristischen Russland, der andere - Galizien - war einst ein Teil des k.u.k.-Reiches und kam dann nach dem Ersten Weltkrieg in den Machtbereich der UdSSR. Erst nach der weltpolitischen Wende Ende des 20. Jahrhunderts bildete sich die Ukraine als eigene staatliche Einheit, die noch heute um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Russland ringt. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch setzt seinem zerrissenen Land in diesem Roman ein Denkmal, das in seiner Surrealität bisweilen an Franz Kafkas Romane erinnert. Damit spiegelt er die Befindlichkeit der ukrainischen Bevölkerung wider, die nach dem abrupten Zusammenbruch des politischen und gesellschaftlichen Bezugssystems nach einer neuen Identität sucht.

Zu Beginn des Romans finden sich acht Personen in einem einsamen Bahnhof ein, um von hier aus zu einem einsamen Anwesen hoch oben in den Karpaten gebracht zu werden. Der unbekannte und geheimnisvolle "Schlossherr" hat sie hierher eingeladen, um mit ihnen einen Werbefilm über eine ukrainische Schnapssorte zu drehen. Zu dem zusammengewürfelten Team gehören: ein Schriftsteller mit Frau und halbwüchsiger Tochter; der österreichische Liebhaber der Frau, einer als Dolmetscherin arbeitenden Germanistin; ein alter, bereits ein wenig entrückter Professor; der Regisseur des zu drehenden Streifens und zwei junge Mädchen, die ausgerechnet die Namen Lili und Marlen tragen und ihren Unterhalt durchaus auch mit intimen Dienstleistungen verdienen, wenn sich nichts Besseres anbietet. Schon der erste Abend vergeht nicht ohne diverse verbale Auseinandersetzungen, die sich jedoch im Großen und Ganzen im Bereich des gegenseitigen Abtastens bewegen. Die Dolmetscherin regt sich über ihren "Blödmann" von poetischem Ehemann auf, der gerne mehr als ihm zuträglich dem Alkohol zuspricht. Der Österreicher sucht vergeblich ein klärendes Gespräch mit seiner Geliebten, die er unbedingt mit in den für Ukrainer vermeintlich "goldenen" Westen nach Österreich nehmen will. Die beiden jungen Ukrainerinnen sehen sich bei dem in ihren Augen dünnen Männer-Angebot um, der Professor traktiert alle mit umfangreichen literarischen und historischen Anmerkungen, und der Regisseur denkt über die Details des zu drehenden Films nach. Ohne den Hausherrn zu Gesicht bekommen zu haben, verbringen die Gäste die Nacht in der eigenartigen Herberge und erleben am darauf folgenden Tag die Dreharbeiten, die eher unspektakulär verlaufen und nicht gerade von cineastischer Hochkultur geprägt sind. Doch an diesem zweiten Tag spitzen sich die zwischenmenschlichen Beziehungen deutlich zu, wobei der Alkohol eine nicht geringe Rolle spielt. Nach einer Auseinandersetzung verschwindet der Österreicher und findet sich in einer trüben Kneipe fern der Unterkunft wieder, wo er sich zielstrebig dem Alkohol und fragwürdigen Saufkumpanen widmet. Derweil gerät das ihn suchende Ehepaar erst in einen Schneesturm, dann in eine unvermutet aufflammende erotische Situation und schließlich in die Fänge der nicht gerade zimperlichen ukrainischen Polizei. Am Ende stehen ein eher zufälliger Totschlag, eine Rettung in letzter Minute aus dem mehr als ungemütlichen Polizeigewahrsam, eine wieder gefundene Liebe, eine ungeplante, aber willkommene Entjungferung und ein handfester Betrug.

Am Ende kehren alle - bis auf den Toten - wieder in ihre Heimatorte zurück, als sei nichts geschehen. Doch dem Autor geht es in diesem Roman nicht um eine spannende Handlung, die am Schluss einer Auflösung entgegen eilt, sondern um eine Schilderung der Ukraine, ihrer Landschaft und ihrer Menschen. Bei aller Drastik der Beschreibung von Korruption, Armut und Kriminalität wirkt das Buch jedoch nie abschätzig oder gar zynisch gegenüber den Zuständen in der Heimat des Autors. Im Gegenteil, eigentlich ist die ganze Erzählung eine Liebeserklärung an die ukrainische Landschaft und ihre Bewohner, die sich auf ihre eigene Art und Weise durch die postkommunistische Welt schlagen müssen. Die mondbeschienene Stille der Karpaten spielt dabei ebenso eine Rolle wie die plötzlichen Wettereinbrüche oder die düstere Stimmung in den weltabgeschiedenen Kneipen, in denen billiger Fusel über die triste Lage hinweg hilft. Und auch der "transsylvanische Mythos" kommt nicht zu kurz und findet in einer ironischen Parabel über die morgendliche Rückkehr der festlich gekleideten Blutsauger in ihre Gräber eine entsprechende Würdigung. Außerdem bringt der Autor in einer geschickten Verschränkung von Traum und Rückschau die Geschichte des großen ukrainischen Dichters Antonytsch ins Spiel, der sich zwischen den beiden Weltkriegen nach verschiedenen politischen und privaten Verwicklungen das Leben nahm. Kenner der russischen und der ukrainischen Sprache werden zudem Freude an einer Reihe von Sprachspielen finden, die das prekäre Verhältnis der beiden Sprachwelten zum Ausdruck bringen, und außerdem lernt man Einiges über das ukrainische - oder besser gesagt huzulische - Brauchtum.

Als "Literatur des Aufbruchs" vermittelt dieser Roman einen Eindruck der gegenwärtigen Situation in einem Land, das wir in der letzten Zeit als Quelle demokratischer "Umstürze" kennengelernt haben und das offensichtlich gewillt ist, sich aus den Zwängen einer entbehrungsreichen Vergangenheit zu befreien.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41681-2 erschienen und kostet 22,90 Euro.

Frank Raudszus

Hier bestellen bei AMAZON