| Amélie Nothomb: "Attentat" |
| Eine fast philosophische Novelle über Schönheit und Hässlichkeit | |
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In ihrem neuesten Roman geht es um einen außerordentlich hässlichen jungen Mann namens Epiphane, der mit einer bildhübschen jungen Frau - ja, nur - befreundet ist. Nothomb schildert seine Hässlichkeit in so drastischen Farben - konkaves Gesicht, Akne allerorten, schlotternde Haut -, dass niemand auch nur entfernt auf den Gedanken kommen könnte, ein Mensch könnte an ihm Gefallen finden, geschweige denn, eine Frau mit Augen im Kopf könne sich in ihn verlieben. Schon als Kind trug er aus gutem Grund den Spitznamen Quasimodo und in der Öffentlichkeit schauen die Leute verlegen weg, wenn sie ihn sehen. Zufällig lernt er Ethel, eine bildhübsche junge Frau kennen, und die beiden werden gute Freunde. Ethel ist trotz geradezu atemberaubender Schönheit ohne Arg und Missgunst und sieht in allen Menschen nur das Gute. Bis hierhin könnte man es für eine umgekehrte Aschenputtel-Schmonzette halten, die letztlich die "inneren Werte" eines Menschen zum Maßstab machen. Doch Amélie Nothomb hat anderes im Sinn. Sie lässt die beiden ungleichen Freunde eine geschäftliche Partnerschaft eingehen, bei der Ethel ihren "Quasimodi" als Model vermarktet, das als diametraler Gegensatz zur geleckten Schönheit der internationalen Models auftritt, die Zuschauer verunsichert und damit die langweilige Perfektion der schönen Frauen erst richtig zur Geltung kommen lässt. Die Idee funktioniert, und Epiphane wird zum internationalen Star, wagt sich aber Ethel gegenüber nie über die Freundschaftsgrenze hinaus, da er die zu erwartenden Ablehnung fürchtet. Als er jedoch auch noch Berater in erotischen Angelegenheiten spielen muss, ist das Leidenspotential des - natürlich - unsterblich Verliebten nahezu erschöpft. Auf einer Auslandsreise, gewissermaßen in einer Art Rausch, beichtet er Ethel per Fax seine große Liebe, nur um bei der Rückkehr vor einem Trümmerhaufen zu stehen. Was der an gewisse politische Korrektheiten gewohnte Leser als das Recht des "Underdogs" betrachtet, nämlich, auch einmal seiner Liebe Ausdruck zu verleihen, kommt bei Ethel ganz anders an: Ihre Empörung gilt nicht seiner vermeintlichen Anmaßung, die nur eine zweitrangige Rolle spielt, sondern seiner doppelten Moral. Hier kommt die überraschende Volte, wie wir sie von Amélie Nothomb kennen. Sie wirft ihm vor, selbst das Recht der "inneren Werte" in Anspruch zu nehmen, sprich: von seiner Umwelt zu fordern, nicht auf das Äußere sondern auf den Kern des Menschen zu scheuen, selbst sich aber das Recht zu nehmen, die Schönheit zu lieben. Auch wenn er nicht direkt um ihre Hand angehalten hat, drückt sein Liebesbekenntnis diese Haltung unmissverständlich aus. Nach der - für ihn - scheinbar unaufhaltsamen Annäherung zwischen den beiden fällt er tief und zieht daraus eine tödliche Konsequenz, die endlich auf der letzten Seite auch den Titel des Buchs rechtfertigt. Mit dieser Novelle greift Nothomb die Doppelmoral aller echten oder "gefühlten" Verlierer und Diskriminierten an. Auch sie begreifen die Welt als Hierarchie, in der sie unten stehen. Jedoch wollen sie die Hierarchie nicht abschaffen, sondern in ihr schnell aufsteigen. Auf Grund ihres Diskriminiertenstatus fordern sie besondere Rücksichten - die "inneren Werte" -, die sie selbst zu üben nicht bereit sind. Denn warum verliebt sich Epiphane nicht in ein hässliches Mädchen, das eben diese "inneren Werte" besitzt, warum nimmt er für sich das Verlangen nach äußerer Schönheit in Anspruch, das er bei den "schöneren" Menschen zumindest im Stillen anprangert? Sein Liebesgeständnis stürzt Ethel notgedrungen in ein tiefes Schuldgefühl, da sie für ihr Nein in Beweisnot gerät. Diese Situation erinnert an die zunehmenden Gesetze gegen jede Art von Diskriminierung, die es jedem abgelehnten Bewerber leicht machen, dahinter eine gezielte Diskriminierung zu sehen. Die vermeintlichen Rechte des - aufgrund welcher Umstände immer - sozial tiefer Stehenden lähmen den höher Stehenden bei seinen Aktionen zunehmend. Diese bei Nothomb nur im zwischenmenschlichen Bereich angesiedelten Denkstrukturen zielen auf eine Aufhebung aller Abweichungen von einem - hohen - Wunschniveau, und erweisen sich damit als zutiefst kindisch. Und mit einer solchen kindischen Trotzigkeit reagiert Epiphanie zum Schluss auch. Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN
3-257-06525-6 erschienen und kostet 18,90 Euro. |