Simon Beckett: "Die Chemie des Todes"

                                                                    
Ein Thriller über die Abgründe der englischen Provinz mit wissenschaftlichem Anspruch
 

Titel und Klappentext dieses Buchs vermitteln den Eindruck eines Sachbuches über neueste gerichtsmedizinische Erkenntnisse, und dieser Eindruck hält auch über die erste Seite an. Dann jedoch wird schnell klar, dass es sich hier um einen modernen Kriminalroman handelt, der die Tradition der großen Vorgängerin Agatha Christie fortsetzt. Wie bei dieser spielt die Handlung in einem winzigen Dorf irgendwo in der englischen Provinz, weit genug entfernt von London, um dieses in den Augen der Bewohner als "Sündenpfuhl" erscheinen zu lassen. In dieses trostlose Nest gerät der Ich-Erzähler eines Tages freiwillig als Verstärkung und Vertretung des lokalen Arztes, der sich aufgrund eines Autounfalls seit Jahren nur noch im Rollstuhl bewegen kann. Bald merkt der Erzähler, dass sein älterer Kollege verbittert ist - er hat bei dem Unfall seine Frau verloren - und unter der dumpfen Beschränktheit der Dorfbevölkerung leidet. Der bigotte und sich seiner Macht über die einfachen Seelen wohl bewusste Ortsgeistliche trägt nicht gerade zu einer offenen Weltsicht bei, und im einzigen Pub sammeln sich alle Ressentiments und Vorurteile, die man sich vorstellen kann, vor allem Neuankömmlingen gegenüber. Das traf wohl vor dem Protagonisten auch auf eine bekannte Schriftstellerin zu, die sich hierhin zurückgezogen hatte, aber aus begreiflichen Gründen Abstand zur Dorfbevölkerung wahrte. Als eines Tages ihr Verschwinden bemerkt wird - der Erzähler hat eine lose Bekanntschaft mit ihr geführt - schöpft nur er einen Verdacht, während der Rest des Dorfes dieser Tatsache gleichgültig gegenüber steht. Als jedoch ihre nackte Leiche halb verwest im Moor gefunden wird, gerät das Dorf in Aufruhr, da die ersten Ermittlungen ergeben, dass der Täter aus dem Ort kommen muss. Die Verdächtigungen richten sich natürlich vor allem gegen Außenseiter, und zu diesen - wenigen - gehört auch der neue Arzt. Während er sich gegenüber den Gerüchten im Dorf zur Wehr setzen muss, nagelt ihn der ermittelnde Kriminalbeamte zielsicher auf seine eigene Vergangenheit fest. Er war in seinem früheren Leben ein hoch spezialisierter Gerichtsmediziner und versucht, in diesem Dorf den unfallbedingten Tod von Frau und Tochter zu vergessen. Nun verlangt der Polizeikommissar seine tätige Mithilfe bei der Aufklärung des Mordes und erreicht dies auch nach einigem Insistieren gegen den Widerstand des so Umworbenen. 

Während er noch die Umstände und die Zeit des Todes aus den Überresten der Frau zu ermitteln versucht, verschwindet eine weitere junge Frau beim morgendlichen Joggen im Wald. Die Umstände lassen schnell Parallelen zu dem vorliegenden Mordfall erkennen, und die Realität rechtfertigt bald die unheilvollen Vermutungen. Wie im ersten Fall spielen auch hier makabre und mehr als unappetitliche Begleitumstände mit Symbolcharakter eine wesentliche Rolle, so dass sich die Suche bald auf einen psychisch gestörten Täter konzentriert. Nur, wo ist dieser zu suchen in einer kleinbürgerlichen, unauffälligen Bevölkerung, in der jeder jeden zu kennen meint? Wieder muss der ehemalige Gerichtsmediziner seines Amtes walten und das makabre Resultat des Mordes sezieren und nach den neuesten Methoden analysieren. Dabei wird ihm sein gelähmter Kollege zum Freund, nimmt er doch klaglos die Strapazen der alleinigen Praxisführung in Kauf, um ihm die Arbeit an der Aufklärung der Morde zu ermöglichen. Dann jedoch beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen und direkt in das Privatleben der Hauptperson einzugreifen, so dass seine Arbeit eine ganz persönliche Komponente erhält. Am Schluss geht es buchstäblich um Minuten, und der "Showdown" ist von bester Thrillerart, ohne deswegen an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Alle Ingredienzien dieser finalen Spannung hat der Autor schon lange vorher aufbereitet und unauffällig in die Handlung eingeflochten, so dass sämtliche Details im furiosen Finale nahtlos und konsistent ineinander greifen. Ganz zum Schluss wartet der Autor dann noch mit einer Pointe auf, die den von der kompromisslosen Gradlinigkeit der Handlung ein wenig mitgenommenen Leser ein wenig versöhnt. Wer dieses Buch einmal in die Hände genommen und die ersten fünfzig Seiten gelesen hat, kommt davon vor der letzten Seite nicht mehr los. Wenn ein Kriminalroman dies erreicht und darüber hinaus noch äußerst aufschlussreiche Informationen über ein gern verdrängtes Thema - den Tod und seine Abläufe - vermittelt, dann hat er alle seine Ziele erreicht.

Das Buch ist im Wunderlich-Verlag unter der ISBN 3-8052-0811-1 erschienen und kostet 19,90 Euro.

Frank Raudszus

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