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Titel und Klappentext dieses Buchs vermitteln den Eindruck eines Sachbuches
über neueste gerichtsmedizinische Erkenntnisse, und dieser Eindruck hält auch
über die erste Seite an. Dann jedoch wird schnell klar, dass es sich hier um einen modernen Kriminalroman handelt, der die Tradition der
großen Vorgängerin Agatha Christie fortsetzt. Wie bei dieser spielt die Handlung in einem winzigen Dorf
irgendwo in der englischen Provinz, weit genug entfernt von London, um dieses in den Augen der Bewohner als
"Sündenpfuhl" erscheinen zu lassen. In dieses trostlose Nest
gerät der Ich-Erzähler eines Tages freiwillig als Verstärkung und Vertretung des lokalen Arztes, der sich aufgrund eines Autounfalls seit Jahren nur noch im Rollstuhl bewegen kann. Bald merkt der
Erzähler, dass sein älterer Kollege verbittert ist - er hat bei dem Unfall seine Frau verloren - und unter der dumpfen
Beschränktheit der Dorfbevölkerung leidet. Der bigotte und sich seiner Macht
über die einfachen Seelen wohl bewusste Ortsgeistliche trägt nicht gerade zu einer offenen Weltsicht bei, und im einzigen Pub sammeln sich alle Ressentiments und Vorurteile, die man sich vorstellen kann, vor allem
Neuankömmlingen gegenüber. Das traf wohl vor dem Protagonisten auch auf eine bekannte Schriftstellerin zu, die sich hierhin
zurückgezogen hatte, aber aus begreiflichen Gründen Abstand zur Dorfbevölkerung wahrte. Als eines Tages ihr Verschwinden bemerkt wird - der
Erzähler hat eine lose Bekanntschaft mit ihr geführt - schöpft nur er einen Verdacht,
während der Rest des Dorfes dieser Tatsache gleichgültig gegenüber steht. Als jedoch ihre nackte Leiche halb verwest im Moor gefunden wird,
gerät das Dorf in Aufruhr, da die ersten Ermittlungen ergeben, dass der Täter aus dem Ort kommen muss. Die
Verdächtigungen richten sich natürlich vor allem gegen Außenseiter, und zu diesen - wenigen -
gehört auch der neue Arzt. Während er sich gegenüber den Gerüchten im Dorf zur Wehr setzen muss, nagelt ihn der ermittelnde Kriminalbeamte zielsicher auf seine eigene Vergangenheit fest. Er war in seinem
früheren Leben ein hoch spezialisierter Gerichtsmediziner und versucht, in diesem Dorf den unfallbedingten Tod von Frau und Tochter zu vergessen. Nun verlangt der Polizeikommissar seine
tätige Mithilfe bei der Aufklärung des Mordes und erreicht dies auch nach einigem Insistieren gegen den Widerstand des so Umworbenen.
Während er noch die Umstände und die Zeit des Todes aus den Überresten der Frau zu ermitteln versucht, verschwindet eine weitere junge Frau beim morgendlichen Joggen im Wald. Die
Umstände lassen schnell Parallelen zu dem vorliegenden Mordfall erkennen, und die
Realität rechtfertigt bald die unheilvollen Vermutungen. Wie im ersten Fall spielen auch hier makabre und mehr als unappetitliche
Begleitumstände mit Symbolcharakter eine wesentliche Rolle, so dass sich die Suche bald auf einen psychisch
gestörten Täter konzentriert. Nur, wo ist dieser zu suchen in einer
kleinbürgerlichen, unauffälligen Bevölkerung, in der jeder jeden zu kennen meint? Wieder muss der ehemalige Gerichtsmediziner seines Amtes walten und das makabre Resultat des Mordes sezieren und nach den neuesten Methoden analysieren. Dabei wird ihm sein
gelähmter Kollege zum Freund, nimmt er doch klaglos die Strapazen der alleinigen
Praxisführung in Kauf, um ihm die Arbeit an der Aufklärung der Morde zu
ermöglichen. Dann jedoch beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen und direkt in das Privatleben der Hauptperson einzugreifen, so dass seine Arbeit eine ganz
persönliche Komponente erhält. Am Schluss geht es buchstäblich um Minuten, und der "Showdown" ist von bester Thrillerart, ohne deswegen an
Glaubwürdigkeit zu verlieren. Alle Ingredienzien dieser finalen Spannung hat der Autor schon lange vorher aufbereitet und
unauffällig in die Handlung eingeflochten, so dass sämtliche Details im furiosen Finale nahtlos und konsistent ineinander greifen. Ganz zum Schluss wartet der Autor dann noch mit einer Pointe auf, die den von der kompromisslosen Gradlinigkeit der Handlung ein wenig mitgenommenen Leser ein wenig
versöhnt. Wer dieses Buch einmal in die Hände genommen und die ersten fünfzig Seiten gelesen hat, kommt davon vor der letzten Seite nicht mehr los. Wenn ein Kriminalroman dies erreicht und
darüber hinaus noch äußerst aufschlussreiche Informationen über ein gern
verdrängtes Thema - den Tod und seine Abläufe - vermittelt, dann hat er alle seine Ziele erreicht.
Das Buch ist im Wunderlich-Verlag unter der ISBN
3-8052-0811-1 erschienen und kostet
19,90 Euro.
Frank
Raudszus
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