Victoria Finlay: „Das Geheimnis der Farben“

                                                                    
Eine Kulturgeschichte der Farben
 

Dieses Buch führt den Leser in die aufregende Welt der Farben, von früher Urzeit an bis heute. Die britische Autorin Victoria Finley unternimmt eine Reise in die Kulturgeschichte der Farben, die reich ist an staunenswerten Fakten und Anekdoten. Für die Recherchen dazu reiste sie von Kontinent zu Kontinent. In einem entlegenen afghanischen Tal stieß sie auf den kostbaren Lapislazuli, der dort abgebaut und für die Herstellung von Ultramarin benötigt wird – das teuerste Pigment der Renaissance. In Mexiko folgte sie der Spur des Karmesinrot, der Farbe der Könige und Kardinäle, die aus dem Blut des Dactylopius cacti, einer Schildlaus, gewonnen wird. In Australien sammelte sie Material über die Kriege, die dort im 19. Jahrhundert wegen des begehrten Ocker ausgetragen wurden. 

Ob Ocker, Rot, Gelb, Grün oder Violett: Hinter jedem Farbton verbergen sich wunderbare Geschichten. Daneben führt Finlay mit leichter Hand in die chemischen und physikalischen Grundlagen unserer Farbwahrnehmung ein. Sie entblättert den Regenbogen, sie erklärt, weshalb man Turners Gemälden heute nicht ansieht, dass er eine Vorliebe für leuchtendes Karmesinrot hatte; sie plaudert kenntnisreich darüber, wie die Künstler der Antike Farben gewannen, indem sie Steine zerrieben, eine Wurzel zu Pulver verarbeiteten oder ein getrocknetes Insekt zerdrückten. Und wie im 17. Jahrhundert die ersten Farbenhändler aufkamen, die Leinwände vorbereiteten, Pigmente lieferten und Pinsel herstellten.

Für einen Quantensprung stand dann das Jahr 1856, als der britische Chemiker William Henry Perkin einen synthetischen Ersatz für Chinin suchte und dabei zufällig bei Versuchen mit Teer auf den ersten synthetischen Farbstoff stieß, das violettfarbene Mauvein. Nichts leuchtete so intensiv wie das künstliche Mauvein, das rasch seinen Siegeszug um die Welt antrat. Keine zehn Jahre später hatten die Teerfarben die meisten natürlichen Farbstoffe verdrängt. Zahllose Farbstofffabriken schossen aus dem Boden, die die Ära der industriellen Chemie einläuteten. Der synthetische Farbstoff ermöglichte auch gewaltige Fortschritte in der Medizin. Mittels der Farben gelang es, kleinste Objekte für das Mikroskop zu markieren; auf diesem Wege wurden die Erreger von Cholera und Tuberkulose entdeckt, die Farbstoffe ebneten den Weg zur Chemotherapie und Immunologie. Viele Pharmafirmen mit Weltruf begannen als Farbstofffabriken.
Die Autorin beendet ihren Streifzug mit einem Blick auf die heutige Farbenwelt. Sie ist reichhaltiger denn je, aber im Zeichen der Digitalisierung verlieren die Farben, wie Finlay feststellt, ihre individuellen, schönen Namen. Ob Mumienbraun oder Ultramarin, ob Scheeles Grün und Turners Gelb – Farben werden nun in Kennziffern ausgedrückt, denn der Computer schätzt weltweit vergleichbare Zahlen.

Thomas Muster

Victoria Finlay: „Das Geheimnis der Farben“,
List-Taschenbuch, 464 S., 9,95 €
ISBN Nr. 3-548-60496-X

Hier bestellen bei AMAZON